14/07/2026
**Fünf Jahre Ahrtal – Vergessen? Niemals.**
Heute, fünf Jahre nach der Flutkatastrophe im Ahrtal, möchte ich einen Moment innehalten.
Ich möchte nicht über Zahlen sprechen. Nicht über Statistiken. Denn hinter jeder Zahl stand ein Mensch. Ein Leben. Eine Familie. Eine Geschichte.
Die Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 werde ich nie vergessen.
Schon in dieser Nacht war ich ungewöhnlich unruhig. Ich konnte kaum schlafen. Die drückende Schwüle, die schweren Gewitter und die Unwetterwarnungen ließen mich nicht zur Ruhe kommen. Am Morgen des 15. Juli sah ich dann die ersten Bilder in den Nachrichten.
Was ich dort sah, ließ mich fassungslos zurück.
Aus meiner damaligen Heimat Wiesbaden-Dotzheim dachte ich sofort an Menschen, die ich aus der Motorsportszene rund um den Nürburgring kannte. Wie geht es ihnen? Haben sie überlebt? Kann man sie erreichen? Doch viele Telefonleitungen waren unterbrochen, Informationen gab es kaum.
Mit jeder Stunde wurden die Bilder erschütternder.
Sehr schnell war für mich, aber auch für meine Tochter und meinen Sohn klar: Diese Menschen brauchen Hilfe.
Am Samstag, dem 17. Juli 2021, machten wir uns deshalb auf den Weg nach Ahrbrück. Es war einer der wenigen Orte, an denen freiwillige Helfer damals überhaupt bereits eingesetzt werden konnten. Viele Bereiche des Ahrtals waren noch völlig abgeschnitten. Gleichzeitig machten erste Meldungen über Plünderungen die Runde – kaum vorstellbar angesichts des unermesslichen Leids.
Meine Tochter packte sofort mit an und half bei den Aufräumarbeiten, so gut es unter diesen Bedingungen überhaupt möglich war.
Ich selbst entschied mich bewusst dafür, das Geschehen fotografisch zu dokumentieren. Nicht aus Sensationslust. Sondern weil ich zeigen wollte, was dort wirklich passiert war. Weil Bilder manchmal das erzählen, wofür Worte nicht ausreichen.
Bis heute verfolgen mich diese Eindrücke.
Ich sehe sie noch immer vor mir.
Ein Gespräch hat sich besonders tief in mein Gedächtnis eingebrannt.
Ein Mann stand vor den Überresten seines Hauses. Aus einem Fenster im ersten Stock ragte ein großer Ledersessel nach draußen.
Er sah mich an und sagte nur:
*"Mach doch mal hiervon ein Foto. Der Sessel da... das ist meiner. Das ist mein Haus."*
Dann erzählte er mir, dass seine Familie das Haus gerade erst liebevoll saniert hatte. Sie hatten sich dort eine kleine Pension aufgebaut. Ein Lebenstraum.
Innerhalb weniger Stunden war alles verschwunden.
Ich weiß bis heute nicht, ob damals alle Angehörigen seiner Familie überlebt haben.
An einer Brücke erklärte mir ein Mitarbeiter des THW und des Rettungsdienstes, dass auf der gegenüberliegenden Seite ein ganzes Haus von den Wassermassen fortgerissen worden war. Dort hatte ein Arzt mit seiner Familie gelebt. Nach meinem damaligen Kenntnisstand überlebte er selbst – seine Frau und sein Kind jedoch nicht.
Es sind Sätze, die man hört und nie wieder vergisst.
Ich erinnere mich auch an den ehemaligen Campingplatz.
Oder besser gesagt an das, was davon übrig geblieben war.
Ich stand teilweise knietief im Schlamm. Vom Campingplatz war kaum noch etwas zu erkennen. Selbst das Kiosk und das Getränkelager waren bis fast unter das Dach mit Schlamm gefüllt. Die zerstörte Eisenbahnbrücke, die unzähligen Trümmer, die Stille zwischen all den Menschen...
Solche Bilder kann man nicht beschreiben.
Man muss sie gesehen haben.
Und genau deshalb werde ich heute noch einmal einige meiner damaligen Aufnahmen veröffentlichen.
Nicht, um alte Wunden aufzureißen.
Sondern damit diese Katastrophe und vor allem die Menschen dahinter nicht in Vergessenheit geraten.
Denn fünf Jahre später leben noch immer viele Betroffene mit den Folgen dieser Nacht. Manche kämpfen bis heute mit dem Wiederaufbau. Andere haben Angehörige verloren. Wieder andere tragen Wunden, die niemand sehen kann.
Mein tiefstes Mitgefühl gilt allen Familien, die einen geliebten Menschen verloren haben.
Allen Verletzten.
Allen, die ihr Zuhause verloren haben.
Allen, die bis heute mit den Erinnerungen leben müssen.
Ebenso möchte ich heute allen Helferinnen und Helfern danken.
Dem THW, den Feuerwehren, den Rettungsdiensten, der Bundeswehr, den Polizeikräften, den Hilfsorganisationen – aber vor allem auch den unzähligen freiwilligen Helfern aus ganz Deutschland.
Ihr seid gekommen, ohne zu fragen, woher jemand kommt oder wen er gewählt hat.
Ihr habt einfach geholfen.
Mit Schaufeln.
Mit Baggern.
Mit euren Händen.
Mit eurer Zeit.
Mit eurem Herzen.
Auch meine Tochter gehörte zu diesen Menschen. Sie war noch mehrfach im Ahrtal im Einsatz und hat Dinge gesehen, die weit über das hinausgehen, was ich selbst erleben musste. Dafür empfinde ich großen Respekt.
Mein Dank gilt jedem Einzelnen von euch.
Ihr habt Hoffnung dorthin gebracht, wo viele Menschen glaubten, keine mehr zu haben.
Und ja...
Ich wünsche mir auch, dass diejenigen, die politische Verantwortung tragen, weiterhin alles dafür tun, dass Hilfe dort ankommt, wo sie noch immer gebraucht wird. Denn für viele Betroffene ist diese Katastrophe nicht Vergangenheit. Sie begleitet sie jeden einzelnen Tag.
Lasst uns heute gemeinsam innehalten.
Lasst uns erinnern.
Lasst uns nicht vergessen.
Denn Erinnerung bedeutet Respekt.
Und Respekt bedeutet, dass die Menschen im Ahrtal auch fünf Jahre später nicht allein sind.
**Ihr seid nicht vergessen. Niemals.**