10/10/2016
Zuhause bei Mr. Bear
Ich hörte von schaurigen Geschichten über Menschen, die durch den Wald gejagt wurden, durch ihre Wohnung gehetzt, aus ihrem Zelt gezerrt; es wurden ihnen bei vollem Bewusstsein ganze Gesichtshälfen abgerissen oder bis auf wenige Überreste vollständig gefressen.
Es gibt aber auch Berichte und Dokumentationen über echte Freundschaften, wo beide Seiten nicht ohneeinander durchs Leben gehen oder Filmserien darüber, „Der Mann aus den Bergen“ zum Beispiel.
Es geht um den Braunbären oder Grizzly. Nur selten haben sie in ihrer Heimat gute Erfahrungen mit uns gemacht. In den überwiegenden Fällen können sie ihre schlechten Erlebnisse noch nicht einmal ihren Kindern weitergeben, um sie auf den Menschen vorzubereiten. Es wird ihnen beinahe instinktiv mitgegeben, uns besser aus dem Wege zu gehen, was ihnen nicht schwer fällt, denn nur wenige Meter neben dem Weg sind sie bereits unauffindbar versteckt.
Ihr einziger Feind, der ihn aus großer Distanz sofort töten kann, hat ihn zwischenzeitlich nahezu ausgerottet, weshalb er auf die Rote Liste kam. Inzwischen hat sich ihr Bestand zwar etwas erholt, doch dieser einzige Feind bedroht ihn schon wieder, diesmal durch den Klimawandel. Seinen nahen Verwandten, den Eisbären, werden unsere Enkel deshalb wohl nur noch im Zoo bedauern können.
Was an diesen Schauergeschichten und Freundschaften wirklich daran war, wollte ich selbst herausfinden, nicht durch Zoobesuche, Zeitschriften und Bücher oder Dokumentarfilme, sondern leibhaftig zuhause bei „Mr. Bear“. Im Zoo kennt man ihn und ist froh, dass ein tiefer Wassergraben, eine dicke Glasscheibe oder Gitter uns trennen, aber in der Wildnis? Das lag außerhalb meiner Vorstellungen. So nahm mich also meine Frau mit, Biologin und bärenerfahren durch einen Bärenforscher in der Chinitna Bay am Lake Clark Nationalpark in Alaska. Von ihr kam dann auch die Beruhigung: „…wenn wir eines von Bären lernen können, dann Toleranz!“
Was ich dann durch mehrere Aufenthalte im Katmai Nationalpark und anderswo erleben durfte, hat mich schließlich bewogen, es Kund zu tun und aufzuräumen mit alten Vorurteilen und falschen Ängsten.
Mr. Bear übrigens war eines der ältesten und weisesten Bären im Gebiet des Brooks Rivers. Wir waren bei ihm zu Besuch, denn der Wald und dieser Fluss waren sein zuhause – seine abwechslungsreiche Speisekammer, sein Esszimmer, sein Badezimmer, sein Wohnzimmer mit weich gepolsterter Couch und herrlichen Aussichten und sein Schlafzimmer für langes, erholsames Schlafen bei absoluter Stille. Mr. Bear war bereits in Rente und hatte keinen Stress mehr, weder in familiärer Hinsicht, noch mit Nachbarn. Er wurde von allen respektiert und er respektierte alle und, da er auch mit Menschen nie schlechte Erfahrungen machte, auch uns.
Ich kann nur jedem empfehlen, ähnliches zu erfahren, um wieder ins Reine zu kommen mit diesem wundervollen Mitbewohner, dem Grizzlybären, der kein feiges Todesurteil aus großkalibrigen Gewehren verdient hat.