31/12/2022
Hallo, ihr Lieben,
dieses Jahr war es sehr ruhig auf meiner Facebook-Seite und das hat und hatte einen Grund. Kurz vor dem Jahreswechsel möchte ich mir 2022 von der Seele schreiben – hauptsächlich für mich und damit mir Facebook jährlich eine Erinnerung senden kann, damit ich nie vergesse, welchen Belastungen ich in der Lage bin standzuhalten und welches Glück ich am Ende hatte.
Achtung, es folgt ein Roman ;-). Ab hier wäre jetzt der Zeitpunkt, einfach weiterzuscrollen, wenn ihr Euch denkt, ohhh neee, was die Alte da jetzt erzählt, tu ich mir nicht an ;-). Merci an alle, die hierbleiben!
Alles begann eigentlich schon 2021. In unregelmässigen Abständen bekam ich über Nacht „Schübe“, wie ich sie bezeichne. Ich wachte mehrmals in der Nacht schweißgebadet auf und hatte anschliessend bis zu 4 Tagen durchgehenden Schwankschwindel, Übelkeit und Magen/Darm inkl. totaler Kraftlosigkeit. Ich war zu nichts mehr in der Lage, ausser im Bett zu liegen und zu warten, dass es vorbei geht. Es half auch kein Hausmittel oder Medikament.
Ab hier begann der Ärztemarathon: Hausarzt, Orthopäde, HNO, Gyn, Neurologe usw., da ein MRT am Kopf, dort ein Sono der Gefäße. Keiner der Ärzte konnte die Ursache finden. Bis irgendwann Mitte 2021 die Vermutung Histamin- und Lactoseintoleranz ins Spiel kam. „Bestätigt“ wurde diese von einem Gastroenterologen. Schon damals hatte ich einen leicht erhöhten Entzündungswert im Darm, „aber warten wir mal ab, das ist nicht soooo schlimm, erstmal Ernährung kpl. umstellen“. Weitere Untersuchungen waren nicht nötig, wären aber nötig gewesen, wie sich über 1 Jahr später herausstellen sollte. Dazu aber später.
Froh über eine „Diagnose“, habe ich mich mit ausgiebig mit dem Thema beschäftigt. Die Symptome passten irgendwie und ich stellte meine kpl. Ernährung um, versuchte, mit Hilfe einer Heilpraktikerin die Unverträglichkeiten zu beseitigen – und entwickelte so nebenbei noch eine Angst vorm und beim Essen, Angst, mit einem falschen Lebensmittel den nächsten Schub auszulösen. Wer sich schon mal speziell mit Histaminintoleranz auseinandergesetzt hat, weiß, dass man bzgl. Nahrungsmittel sehr stark eingeschränkt ist. Schön essen gehen und es sich gut gehen lassen war nicht mehr drin. Auch Stress kurbelt die Histaminproduktion im Körper extrem an und kann zu zahlreichen Beschwerden beitragen. Und mein Stresslevel wuchs stetig, da ich ständig Angst vorm Essen hatte, Angst, bei Kundenterminen nicht fit genug zu sein, Angst, bei meinen Kunden in Ungnade zu fallen, da ich die Aufträge nicht schnell genug abarbeiten konnte und Angst davor, dass die Symptome nie mehr weggehen. Denn das taten sie nicht. Im Gegenteil, es wurde trotz strikter Diät immer schlimmer.
Die Hochzeitssaison ging zu Ende und es kam die Weihnachszeit mit zahlreichen Shootings und ich dachte mir, ab den Feiertagen wird’s bestimmt besser, es kommt ja jetzt eine ruhige Zeit bis es wieder Frühling wird und die Hochsaison anläuft. Aber es wurde nicht besser, egal, wieviel Ruhe und „gesundes“ Essen ich mir auch gegönnt habe. Auch mein psychischer Zustand verschlechterte sich aufgrund der ständigen körperlichen Beschwerden. Ich wurde immer kraftloser.
Also alles nochmal von vorne – von einem Arzt zum anderen. Und wenn einem dann gar nichts mehr einfällt, bekommt man von diversen Ärzten gesagt „Suchen Sie sich einen Therapeuten - Auf Wiedersehen!“. Ich war wütend, sehr wütend. Dann habe ich nachgedacht. Konnte es wirklich sein, dass das alles nur psychosomatisch ist? Ja, denn ich hatte mich in den letzten 8 Jahren meiner Selbständigkeit selber nicht wirklich gut um mich gekümmert. Kaum bis kein Urlaub. Wenig Freizeit. Alles muss immer zu 500% perfekt sein. Nie NEIN sagen. Jedem nur das Beste wollen, nur sich selber nicht. Die Coronazeit hatte auch Spuren hinterlassen, speziell extreme Existenzängste, die dazu führten, dass ich mich noch mehr in die Arbeit reingehängt habe. Da können der Körper und die Psyche schon mal streiken, oder?
Also ging ich auf die Suche nach einem Therapieplatz. Ich hatte Glück und bekam recht schnell Termine bei einer Verhaltenstherapeutin. Nach den ersten Gesprächen stand im Frühjahr 2022 eine neue Diagnose fest: depressive Erschöpfung, schwere Episode - im allgemeinen Sprachgebrauch auch Burnout genannt. Ich ging regelmässig zur Therapie, nahm keine neuen Aufträge mehr an, gönnte mir Ruhe, emotionale Entspannung und versuchte, neue Verhaltenswege zu finden, zu lernen und umzusetzen und ich habe wieder „normal“ gegessen. Meine „Schübe“ kamen trotz allem immer öfter. Ich war nur noch verzweifelt.
Und weil nicht eh alles schon schlimm genug war, dachte sich Mitte 2022 Juli eine übermüdete, junge Autofahrerin, nehm‘ ich doch der Ollen mal die Vorfahrt und produziere einen Totalschaden an ihrem Auto. Zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert ausser ein paar blauen Flecken und ein gewaltiger Schock. Aber ich war noch mehr am Ende als zuvor. Es ist unglaublich, was ein unverschuldeter Autounfall so alles nach sich zieht - bis heute ist das Ganze übrigens noch nicht versicherungstechnisch abgeschlossen. Und ich habe bis dato immer noch Angst vor Strassenkreuzungen. Aber ich „übe“ fleissig ;-).
Mitte August 2022 mussten wir Abschied von unserer geliebten Mopsoma Nela nehmen. Für mich (uns) brach eine Welt zusammen. Auch wenn man weiß, dass es irgendwann soweit ist, man kann sich trotzdem nicht auf diesen Verlust und Schmerz vorbereiten. Ich brauchte gute 2 Wochen, um wieder einigermaßen (samt meiner „Schübe“) auf die Reihe zu kommen. Jeder, der seine Fellkinder liebt und sie als Familienmitglied sieht, weiß, wovon ich spreche.
Mitte September 2022 – ich war gerade dabei, mich auf eine Reha in einer Burnout-Klinik als weitere Massnahme zur Genesung vorzubereiten, bekam ich heftigste Krämpfe und Koliken im Unterbauch. Es wurde so schlimm, so dass ich am Ende mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht wurde. Es folgten zahlreiche Untersuchungen, die kein Ergebnis brachten und so wurde ich nach einigen Tagen mit „fadenscheinigen“ Diagnosen und dem Hinweis, ich solle mal bei Gelegenheit ein MRT und eine Darmspiegelung machen lassen, entlassen, obwohl es mir richtig schlecht ging und ich noch während meines Krankenhausaufenthalts blutigen Durchfall bekam. Nach 4 Tagen Quälerei zuhause habe ich mich selber wieder ins Krankenhaus eingeliefert. Wieder erfolgten zahlreiche Untersuchungen, auch endlich ein MRT mit Kontrast. Diagnose: Invagination (Darmeinstülpung). Vorgehensweise: Bauchspiegelung, also ab in den OP. Aufgewacht bin ich viele Stunden später (meine Zimmergenossinnen hatten sich schon Sorgen gemacht) mit einem 15 cm langen Bauchschnitt und zahlreichen Schläuchen und Venenzugängen. Erst am nächsten Morgen bei der Visite bekam ich die Info „Sie hatten einen großen Tumor im Darm.“ und weg waren die Ärzte. Ohne Erklärung, ohne weitere Infos. Für mich brach wieder mal eine Welt zusammen, diesmal aber eine andere Welt. Krebs???? Ich???? Ich kann mich ehrlich gesagt an die folgenden 3 Tage kaum erinnern, da ich in ein tiefes Loch gefallen bin. Ich weiß noch, dass ich mich bei Bestrahlung und Chemo gesehen habe. Mir sind die Haare ausgefallen. Ich habe mich im Sarg liegen sehen und gedacht, so schlimm ist es irgendwie nicht, zu sterben. Und warum Sarg? Ich wollte doch verbrannt werden! Mir war alles egal. Psychologische Hilfe wurde mir übrigens erst einen Tag vor Entlassung angeboten. Erst nachdem mein Mann ein sehr ernstes Wort im Stationszimmer sprechen musste, kam ein Arzt und hat mir erklärt, was gefunden und gemacht wurde. Mein Darm hatte sich an einem 12x16 cm großen Tumor eingestülpt, zusätzlich wurden ca. 20 cm Darm entfernt. Auf den pathologischen Befund bzgl. Tumor und Lymphe musste ich allerdings noch ganze 7 Tage warten. 7 Tage pure Angst, zusätzlich zu den Schmerzen. Dann endlich das Ergebnis: Vorstufe von Krebs, keine Bestrahlung/Chemo notwendig. Mir fiel ein Mount Everest vom Herzen! Dieser Tumor wuchs wohl seit ca. 3 Jahren in mir und wäre in ca. 0,5 – 1,5 Jahren zu Krebs geworden. Die Genesungszeit nach einer solchen OP war und ist nicht ohne. Lange Zeit ging nur liegen oder kurz stehen und gehen. Zusätzlich bekam ich aufgrund der Fäden eine Wundheilungsstörung inkl. Entzündung der Bauchnarbe. Mittlerweile geht es mir wieder soweit gut, ab und an zwickt und zwackt es noch an diversen Stellen am Bauch und 100% meiner Kraft habe ich auch noch nicht zurück, aber alles braucht seine Zeit und ich muss und werde mir deshalb noch eine kleine Auszeit nehmen.
Das Allerallerallerbeste: Seit dieser Tumor nicht mehr mir gehört, sind die „Schübe“ Geschichte. Auch psychisch geht es mir gut. Darm und Psyche hängen nun mal stark zusammen und nicht alles kann man deshalb nur auf die Psyche schieben, auch wenn mit Sicherheit ein Teil „Burnout“ aufgrund der langen Krankheitsgeschichte und meiner geringen Selbstfürsorge mit dabei war. Ein so großer „Fremdkörper“ macht einfach was mit dem Körper. Und man hätte ihn, wenn man gewollt hätte, über 1 Jahr vorher schon finden können. Aber hätte, hätte, Fahrradkette… Es bringt nichts, darüber nachzudenken. Ich bin glücklich und sehr dankbar, dass sich der Tumor um 5 vor 12 heftig bemerkbar gemacht hat. Ab sofort muss ich regelmäßig zu diversen Vorsorgeuntersuchungen gehen, aber das nehme ich gerne in Kauf.
Von ganzem Herzen danke ich allen Menschen, die mir 2022 zur Seite gestanden, mir mit sehr viel Empathie, Verständnis und Geduld entgegengekommen sind und mir geholfen haben, als ich mir selber nicht mehr helfen konnte. Allen voran mein Mann – ohne ihn hätte ich dieses Jahr nicht überstanden.
Auch danke ich den Menschen, die weniger Verständnis für meine Situation hatten (zum Glück ein verschwindend geringer Teil). Ihr habt mir gezeigt, dass der Mensch an sich durchaus nur an sich denken kann ohne Rücksicht auf Verluste und mit der Hoffnung, sich einen Vorteil aus dem Unglück anderer zu verschaffen. Davon werde ich mir allerdings nur eine sehr kleine Scheibe abschneiden. Denn ich bin und bleibe ein sehr empathischer Mensch, der aber in Zukunft viel besser auf sich selber schauen und auch mal NEIN sagen wird ;-).
In diesem Sinne wünsche ich Euch allen einen guten Rutsch in ein glückliches und gesundes 2023!
Bis bald in alter Frische und danke fürs „Zuhören“ bzw. Lesen.
Eure Martina
Bild von mir, entstanden am 06.12.2022 im schönen Straubing:
Harry Schindler – auch Dir ein dickes Danke für Deine Unterstützung in diesem Jahr!