Gar Goyle Photography
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GGP ist ein Team von Hobbyfotografen und Models aus Sachsen / Germany. Schwerpunkt Natur, Portrait, Lost Place, Cosplay, Fantasy-Action. U.a.
Customshootings an außergewöhnlichen Orten, mit gewähltem Cosplay, nach eigener Story.
13/12/2025
RESPEKT
Eines der großen Worte unserer Zeit, inflationär benutzt, von jedem gewünscht, von wenigen gegeben. Respekt ist eine Grundvoraussetzung, die letztendlich nur durch menschliches Verhalten verloren geht. Achtung und Respekt sind keine Einbahnstraßen. Der Respekt, den wir unverrichteter Dinge von einem Menschen erfahren ist meist nur ein Spiegel des Respekts, den er sich selbst entgegenbringt.
Tritt einen Moment zur Seite. Betrachte Dein Leben objektiv von außen. Stelle Dir vor Dein Leben wäre ein Film. Wärst Du Dein Fan oder ein Hater des Protagonisten oder irgendetwas dazwischen? Hättest Du Respekt vor dem Hauptdarsteller, der dort seinen Weg geht? Würdest Du dir wünschen, dass die Handlung für ihn gut ausgeht oder das er am Ende seine gerechte Strafe erhält…? Eine unangenehme Frage, ich weiß.
Manche sagen, Respekt beginnt beim Zuhören. Hörst Du Menschen zu um zu verstehen oder wartest Du nur auf die Gelegenheit Deines Widerspruches? Hörst Du Dir selbst zu, auf Deine Worte auf Deine Gedanken? Respektierst Du Deine Menschlichkeit, Dein Recht Fehler zu machen oder hast Du einen inneren Bestrafer, der mit dem scharfen Schwert der Moral um sich schlägt, welches oft auch Unbeteiligte trifft?
Je heller das Licht, umso dunkler die Schatten. Wie oft begibst Du Dich an dunkle Orte, die Schauplätze alter Fehltritte, schießt auf Gespenster Deiner Vergangenheit, doch der Querschläger trifft nur Dich selbst? Reicht Dein Respekt soweit, Dir Unvollkommenheit zu verzeihen, Dich so zu sehen, wie Du heute bist und anderen die Chance zu geben Dich ebenso zu sehen?
Dies alles sind nur in Metaphern gekleidete Gedanken, keine Dogmen, keine Gesetze. Nur meine Interpretation von Respekt, denn dieser beginnt immer mit dem Respekt vor sich selbst.
Meinen aufrichtigen Respekt und ein großes Dankeschön an das Model Susanne. Immer gerne wieder.
Model: Sue Minou
📸 Steffen Wutzler
30/03/2025
SCHWARZWEISS
Das Leben polarisiert. Es besteht aus Gegensätzen. Sie begegnen uns tagtäglich. Liebe und Hass, Tag und Nacht, der Wechsel der Jahreszeiten, das Spiel von Licht und Schatten. Dem sei auch dieser Upload gewidmet. Zwei Frauen, gezeichnet in Licht und Schatten, so unterschiedlich und doch wunderschön. Kein Blitz, keine Softbox, nur natürliches Licht.
Unsere Aufmerksamkeit lenkt das Licht, doch das Geheimnisvolle ist meist das, was im Schatten liegt. Die Liebe im Zorn oder der laute Gedanke in der Stille. Dieses Licht, unser innerer Kompass, funktioniert oft nur so gut durch Menschen, die uns täglich zeigen, wie wir nicht sein wollen. Das Licht zeigt unser Lächeln, doch die Narben auf unserer Seele verbergen sich im Schatten. Oft bleibt die Wahrheit im Dunkel, während die Lüge im Licht erstrahlt.
Die Bilder entstanden während eines Workshops bei DCP-Dark Crossing Pictures und es ist tatsächlich mein erster Upload, rein monochrom. Ich bedanke mich bei Melly und Sherry, welche mir bei diesem Shooting Model standen, bzw. lagen. Dezente Er**ik bei fahlem Licht, zwei charismatische Frauen in der Blüte ihres Lebens. Das Shooting fand in entspannt, familiärer Atmosphäre statt und hat echt Spaß gemacht. Vielen Dank an meinen lieben Freund Roy Manfred Schaaf für die Einladung.
Models: Melanie Starkloff & Sherry Inked
📸: Steffen Wutzler
Danke an Roy Manfred Schaaf & De Jacky - DCP -Dark Crossing Pictures-
09/02/2025
AMAZONEN
Die Amazonen, Töchter von Liebe und Krieg, ihr Mythos zieht sich durch alle Epochen und Kulturen. Stark, schlau, unabhängig, betörend schön und tödlich. Die den Geschichten um sie innenwohnende Faszination ist ungebrochen. Seit der Antike ranken sich unzählige Legenden um die schönen Kriegerinnen, werden in Literatur und Film thematisiert. Sie existieren noch heute, die modernen Amazonen, manche High Life, doch verborgen in jeder Frau. Ich habe nie einen Hehl aus meinem Fable für sie gemacht und widme ihnen diesen Upload als eine Hommage.
Wer meine Arbeiten kennt weiß, dass diese Thematik in meinen Beiträgen regelmäßig in irgendeiner Form durchsickert. Es bereitet mir einfach Freude in meinen Bildern, aus jeder Frau die starke Persönlichkeit, die Kriegerin, die Amazone heraus zu modellieren. Es ist ein Kern meiner Arbeit, bei dem ich mich gern der Herausforderung stelle.
Die hier hochgeladenen Bilder sind schon etwas älter, etwa zwei Jahre. Sie stammen aus zwei Shootings in der Umgebung von Altenburg bei meinen lieben Freunden von DCP -Dark Crossing Pictures-, welchen ich auf diesem Wege meinen herzlichen Dank sage.
📸 Steffen Wutzler
Models:
De Jacky
Nadine Weber
Ju Ly
Kämpferbraut
16/09/2024
LIFE’S A PARTY
Wer kennt sie nicht, die Menschen, die scheinbar durchs Leben tanzen? Der Takt ihrer Schritte sagt mehr als tausend Worte. Für den einen ist das Leben ein Spiel, dass gespielt werden will. Manch einer glaubt die Regeln verstanden zu haben und pokert hoch mit einem Royal Flash auf der Hand, doch das Leben spielt Schach.
Der eine sieht ein schlechtes Blatt als Herausforderung, ein anderer hält seine Trümpfe so lange zurück, bis der Gegenspielen genug Augen auf dem Stapel hat. Manchmal tritt uns der Tanzpartner auf die Füße, während er über unsere Schulter hinweg eine andere Person fixiert.
Manches Lied gefällt uns nicht, wir tanzen lustlos, während die Welt um uns herum feiert. Ein anderes Mal tanzen wir wie in Trance, ein Rhythmus, ein Text, eine Melodie, die sich nur uns erschließt und der Rest der Welt schaut fassungslos zu. Der eine investiert seine gesamten Ersparnisse in Lose und zieht nur Nieten, während ein Passant aus reiner Intuition, beim ersten Versuch, den Jackpot zieht.
All das beschreibt das Leben, in all seinen Facetten. Ein Leben, das gelebt werden will. Dieser Upload ist zwei Menschen gewidmet, die mir ganz besonders ans Herz gewachsen sind. Vivien und Malaika. Zwei Frauen in der Blüte ihres Lebens, die sich kennen und lieben lernten, ihren eigenen Song schrieben, der die Tanzfläche zum Beben bringt.
Ich danke Euch für dieses Shooting, die Gespräche, die schönen Momente. Bleibt positiv, verrückt, einzigartig und einfach so liebenswert, wie ihr seid❤️
Models: Vivien & Malaika
📸 Steffen Wutzler
26/07/2024
HERBST EMOTIONEN 2
Erinnerungen sind der Schatz in unserm Herzen, den uns keiner nehmen kann. Manche davon sind so intensiv, dass sie uns immer wieder an den Ort zurücktreiben, der uns geprägt hat. Der Ort, an dem unsere Wiege stand. Ein Geruch, ein Geräusch, ein Lied aus längst vergangener Zeit, der Satz eines geliebten Menschen und wir sind wieder Kind, an dem Ort, an dem wir aufwuchsen.
Menschen, Ereignisse, Schicksalsschläge, alles ist vergänglich, nur die Erinnerung bleibt. Ein Erfahrungsschatz, der uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind. Die Lieder, die wir hörten, waren der Soundtrack, die Orte mit ihren individuellen Merkmalen, die Kulisse des Films, den wir Leben nennen. All das in uns aufleben zu lassen, gleicht dem Gefühl, einen alten Freund wiederzutreffen.
Maria. Dein Leben glich einer Odyssee, die Dich durch die halbe Welt führte und doch immer wieder zurück an einen Ort. Den Ort, den man Heimat nennt. Ich kann es nur allzu gut nachfühlen, da mir ähnliches widerfahren ist. Das Berufsleben führte mich von A nach B und das jahrelang, die Menschen waren freundlich, die Landschaft wunderschön, doch kein Ort konnte den ersetzen, der mein Seelenheim war.
Aus einer Laune heraus, setzte ich Dir meinen Hut auf, zückte die Kamera und schoss noch einige Bilder, da ich fand, dass er Dir fabelhaft stand. Dadurch entstand die Idee, den Beitrag in zwei Teile zu splitten. Der erste Teil besticht durch einen eher sinnlichen Vibe, wogegen der zweite Teil Deine rebellische Natur hervorhebt. Ein weiteres Stück Erinnerung, dass uns für immer bleibt.
Model: Maria Schieblich
Fotograf: Steffen Wutzler
12/07/2024
HERBST-EMOTIONEN
Schon ein paar Tage her Maria, doch ich erinnere mich immer wieder gerne an unser Shooting vom letzten Herbst. Der Titel zu diesem Beitrag erschien spontan in meinem Kopf. Die Verbundenheit, zu Deiner alten Heimat, welche ich selbst über alles liebe, stand im Vordergrund.
Es war unsere zweite Foto-Session nach langer Abstinenz. Ein Shooting mit Dir steht für deutlich mehr, als Modeling und Fotos schießen. Es steht, für den Moment genießen, in Erinnerungen schwelgen, tiefgehende Gespräche, Vertrauen und manchmal auch für schicksalhafte Begegnungen.
Begonnen im Burggarten zu Mylau, führte uns der Weg zum alten Rittergut, Richtung Göltzschtalbrücke. Die größte Ziegelsteinbrücke der Welt. Da dieses Attribut auf Deiner Wunschliste ganz oben stand, schien mir die Location ideal. Ich hoffe, Du genießt die Erinnerungen ebenso wie ich und freue mich auf alle folgenden Shootings.
Model: Maila Lenita
📸: Steffen Wutzler
08/03/2024
Alles Liebe zum Frauentag
16/02/2024
„LOST PLACE“
Teil 1
Verlassene Stätten haben mich von jeher fasziniert. Unzählige davon besucht, in Bildern und Niederschrift archiviert. Oft hört man die Warnung erfahrener Lost-Placer, einen solchen Ort, wegen möglicher Gefahren, auf keinen Fall ohne Begleitung aufzusuchen. Dies hatte ich auch noch nie getan, bis zu jenem Tag. Ich wünschte, ich hätte auf den Rat der alten Hasen gehört, denn dann hätte es für das, an besagtem Tag erlebte, einen Zeugen gegeben.
Es war Spätsommer, der Trip zu einem Lost-Place, circa hundert Kilometer südlich meines Wohnortes, mit einem Freund seit längerem geplant. Der Ort war auf keiner Karte verzeichnet und so orientierten wir uns an einer groben Beschreibung aus dem Internet. Es handelte sich um ein im späten neunzehnten Jahrhundert erbautes Krankenhaus, welches bis in die neunzehnhundertsechziger Jahre als Nervenklinik diente.
Das einzige Anschauungsmaterial bestand in einer digitalisierten Analogfotografie, welche das Gebäude in der Front zeigte. In einem kurzen, schriftlichen Anhang wurde vor einem Besuch der Stätte ausdrücklich gewarnt. Von einem verfluchten Ort und Spuk war die Rede. Doch erzählt man sich das von verlassenen Psychiatrien nicht immer…?
Am Vorabend des besagten Tages rief mein Freund mich an und teilte mir mit, dass er sich bei einem Waldspaziergang mit seiner Frau den Fuß verstaucht habe. Unwegsames Gelände, morsche Dielen und ein verstauchter Fuß, das passte freilich nicht zusammen. Ich wünschte ihm gute Besserung und nahm die Absage innerlich zähneknirschend hin.
Ein weiterer Aufschub kam für mich nicht in Frage. Das Wetter war ideal, die Tage lang, warm und trocken und schließlich stand der Herbst vor der Tür. Außerdem konnte man nie wissen wie lange ein solcher Lost Place begehbar war. Grundstücke wurden gekauft, derartige Gebäude abgerissen oder bestenfalls restauriert, andere wiederum fielen Brandstiftung zum Opfer.
Ich checkte noch einmal auf Google Maps den Ort, welchen ich anpeilen musste, packte ein paar Tüten Trockenfleisch in meinen Rucksack, legte meine Kameraausrüstung parat und mich dann schlafen. In dieser Nacht schlief ich unruhig, wachte öfters auf, schlief wieder ein und hatte jedes Mal denselben Traum.
Ich stand vor dem alten Krankenhaus, wie ich es von der Fotografie her kannte, nur war es größer als erwartet. Die Umgebung war farblos, alles grau in grau, die Bäume des Waldes, welcher die Klinik umgab, allesamt abgestorben, der Himmel wolkenverhangen und es war kalt. Der Traum ließ mich frösteln, als ich erkannte, wie seltsam vertraut mir dieser Ort war.
Die Morgensonne weckte mich, bevor es der Wecker tat. Die Erinnerung an den Traum verblasste sehr schnell, weswegen ich mich entschied ihn aufzuschreiben. Das leicht mulmige Gefühl, welches der Traum hinterließ verblasste ebenso schnell und trübte meine Vorfreude auf den bevorstehenden Trip nicht weiter.
Eine Wechseldusche, heißer Kaffee und ein ausgiebiges Frühstück taten den Rest. Gegen neun Uhr passierte ich die Auffahrt zur Autobahn. Dieser folgte ich eine Dreiviertelstunde Richtung Süden. Aus den Lautsprechern schallt der Eagles Song Hotel California. Wie so oft musste ich bei den prägnanten Textzeilen des Songs etwas schmunzeln.
Nachdem ich die Autobahn verlassen hatte und drei Dörfer hinter mir lagen, stoppte ich meinen Wagen kurz nach zehn Uhr an einem Feldweg. Der Weg führte zu einem etwa hundert Meter entfernten, bewaldeten Hügel, genau wie in der Beschreibung angegeben. Von hier ab ging ich zu Fuß, meinen Rucksack mit der Kameraausrüstung und etwas Proviant dabei, irgendwo im Nirgendwo…
Von Verwöhnwetter zu sprechen, wäre eine glatte Untertreibung gewesen. Die Sonne schien, Schäfchenwolken zogen am Himmel gemächlich dahin und ein kühles Lüftchen zirkulierte durch das saftige Grün des Waldes, welcher mit dem abgestorbenen Gehölz aus meinem Traum so ganz und gar keine Ähnlichkeit hatte.
Nach einer Biegung kam ich, wie in der Beschreibung angegeben, an einem alten Gasthaus vorbei. Von einem Lost Place konnte man nicht mehr sprechen, da von der ehemaligen Raststätte nur noch die Grundmauern standen und ein paar verirrte Ziegelsteine herumlagen. Aus seinem Inneren, es mochte die Gaststube gewesen sein, wuchsen drei prächtige Birken.
Bald ging es steiler bergauf und der Weg schlängelte sich mehrmals um die Steigung abzuschwächen. Weit konnte es nicht mehr sein. Ich hielt einen Moment inne. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich auf weiter Flur völlig allein war. Keine Spaziergänger, keine Radfahrer, keine Menschenseele. Es war Samstag und dafür umso merkwürdiger. Für einen Augenblick spürte ich dasselbe flaue Gefühl in der Magengrube, wie ich es nach dem Traum von letzter Nacht hatte, maß diesem aber keine Bedeutung bei und ging weiter.
Und doch riet mir meine Intuition umzukehren…
Je höher ich kam, desto mehr lichtete sich der Wald und auf einem Plateau angekommen erhob sich das Gebäude vor mir, welches ich zuletzt in meinem Traum gesehen hatte. Nur war es diesmal kein Traum. Ich stand vor der alten Psychiatrie, von der selbst erfahrene Lost Placer nur ehrfürchtig im Flüsterton sprachen.
Die Bausubstanz des stuckverzierten Hauses war beeindruckend. Man hätte meinen können, es wäre vor einem Jahr noch bewirtschaftet worden, statt seit sechzig Jahren verlassen. Die einzigen Bewacher waren eine Armada Rhododendren, von welchen noch einige in kräftigem Weinrot blühten.
Verschieden Vögel sangen ihre Lieder, es duftete nach Blumen, Kräutern und Harz. Die Fenster des Hauses warfen das goldgelbe Licht der Vormittagssonne zurück, von welchen, für einen Lost Place untypisch, kein einziges zerbrochen war. Das mulmige Gefühl einer Vorahnung aus meinem Traum war völlig erloschen.
Ich ging die Treppe zum Vordereingang hinauf, zögerte einen Moment und legte meine Hand dann auf den Türknauf. In der festen Überzeugung, dass die Vordertür verschlossen war und ich mir einen Zugang auf der Rückseite des Hauses suchen musste, probierte ich trotzdem mein Glück. Die Tür gab nach und ließ sich lautlos öffnen.
Als ich die Schwelle zur Eingangshalle überschritt ertönte von draußen der Schrei eines Raben. Ich zuckte zusammen, musste aber sogleich über meine eigene Schreckhaftigkeit schmunzeln und schloss die Tür hinter mir. Der Rabe war unzählige Male an dem alten Krankenhaus vorbeigeflogen. Wie viele Besucher hatte er wohl schon hineingehen sehen? Als sich die Tür geschlossen hatte, begann die Fassade zu bröckeln und die alte Psychiatrie gab Stück für Stück ihr wahres Erscheinungsbild preis. Wieder schrie der Rabe…
Das Sonnenlicht, in dem feine Staubpartikel tanzten, fungierte ähnlich einer Reihe Scheinwerfer, indem es durch die Fenster drang und die Eingangshalle illuminierte. Die Wände waren in kühlem Weiß und Türkis gehalten. Als ich tief inhalierte, fiel mir auf, dass die Luft geruchlos war. Von Modergeruch oder fauligem Holz, wie man es bei Lost Places gewohnt war, keine Spur.
Die Bodenfließen waren grün und mit Ornamenten verziert. Auf der rechten Seite stand eine kleine hölzerne Truhe, auf der Linken führte eine Treppe nach oben, welche nach rechts bog, geradeaus eine zweigeteilte Pendeltür. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich mehrere Bogen Papier, auf dem Fußboden verteilt.
Diese weckten mein Interesse und ich warf einen Blick darauf. Das Papier war frisch, die Schrift darauf aus modernem Tintenstrahldruck. Es waren Wegbeschreibungen aus dem Internet zu dem Ort in dem ich mich befand. Ich griff in meine Brusttasche und zog meine eigene hervor. Sie waren identisch.
Das sagte mir, dass dieser Ort bereits zahlreich vor meinem Erscheinen hier besucht worden war. Nur warum fand man keine Berichte darüber im Internet? Mein Forscherdrang war geweckt, ich würde es herausfinden. Ich durchschritt die Pendeltür, welche wiederum kaum ein Geräusch von sich gab, als ich sie betätigte. Nun stand ich in einem Gang, links und rechts in regelmäßigen Abständen von Türen gesäumt. Patientenzimmer.
Neugierig griff ich nach einer der Türklinken, als ich ein Geräusch vernahm. Ich hielt inne. Es war Musik. Definitiv Musik. Ich kannte Lost Placer, die zu ihren Ausflügen eine JBL-Box mitnahmen, um ihr Abenteuer musikalisch zu untermalen. Oder kam das Geräusch von außerhalb? Der Klänge waren leise und schwammig, so dass ich den Song nicht erkennen konnte. Noch nicht…
Es gibt Momente im Leben in denen die Neugier einfach stärker ist als die Vorsicht und dieser war wohl einer davon. Ich war der Meinung, dass sich die Herkunft der Klänge ganz harmlos klären würde und betrat den ersten Raum. Das Zimmer war mit rustikalen Möbeln ausgestattet und hatte einen Durchgang zu einem Zweiten.
Die Sonnenstrahlen, welche durchs Fenster brachen ließen die Staubpartikel gespenstisch auf und ab tanzen und tauchten den Raum in das Licht einer vergangenen Zeit. Die Gegenstände im Mittelfach einer Kommode weckten meine Aufmerksamkeit. Man hätte diese eher einem satanischen Ritual zugeordnet, als sie zum Besuch eines Lost Places mit sich zu tragen.
Es handelte sich um eine schwarze Kerze, einen Dolch und einen Totenschädel. Schwer zu sagen, wie lang die Gegenstände dort schon lagen. Die Musik, welche ich auf dem Gang vernommen hatte, war kaum noch wahrzunehmen. Ich runzelte die Stirn und betrat das zweite Zimmer. Die Einrichtung bestand aus einem ebenso rustikalen Wandschrank und einem alten Daunenbett. An der Wand über dem Bett hing ein Gemälde. Es war das Portrait einer jungen Frau, welche ganz in schwarz gekleidet, mich mit ihren großen, schönen Augen ansah. Für einen Moment war ich von ihrem Anblick gebannt, dann weckte mich ein Geräusch aus der Lethargie. Es war Gesang, nicht weit von mir. Ein leises Klagelied. Hatte ich vorher noch Zweifel, so war eins nun gewiss, ich war hier nicht allein…
Ich ging zurück in den ersten Raum und blieb wie angewurzelt stehen. War es kälter geworden, oder täuschte mich das? Ich fröstelte leicht. Auf einem Stuhl, vor der Kommode mit den unheimlichen Gegenständen, saß eine junge Frau, ganz in schwarz. Die Kerze in den Händen haltend, ihre Augen auf die Flamme gerichtet, sang sie ihr Lied.
Es war ein trauriger Kinderreim, den ich einmal von meiner Großmutter gehört hatte, als ich selbst noch ein Kind war. Sie schien mich nicht zu bemerken. Ein verdutztes: „Hallo“, war alles was ich herausbrachte. Die junge Frau sah zu mir auf und das Frösteln stieg mir bis hoch in den Nacken. Es war die Frau auf dem Bild an der Wand…
Wie um mich zu vergewissern ging ich in den Raum zurück, um mir noch einmal das Bild anzusehen. Es war verschwunden! Ich eilte zurück. Auch die junge Frau hatte sich scheinbar in Luft aufgelöst. Die Kerze stand wieder an ihrem Platz, der Totenschädel nicht.
Wo konnte sie hin sein? Zurück auf den Gang! Zuerst konnte ich nichts erkennen, weil es draußen dunkler war als in dem Raum, aus dem ich kam. Wieder das leise Lied. Ich drehte mich in die Richtung aus der ich es vernahm und sah ihre Silhouette am hinteren Fenster des Ganges. Mit einer Handbewegung forderte sie mich auf ihr zu folgen.
Die junge Frau bog um eine Ecke und verschwand aus meinem Sichtfeld. An besagter Stelle angekommen, sah ich eine Treppe vor mir, welche nach oben führte und der aus der Eingangshalle glich. Das mulmige Gefühl in der Magengrube war zurück. Mir war nicht wohl bei der Sache. Wer war sie? Was suchte sie an diesem Ort und vor allem… was wollte sie von mir?
Ich atmete tief durch und stiegt die Treppe empor. Die Treppe machte eine Biegung und als ich diese passierte, saß sie unter einem Fenster, das Gesicht in den Händen vergraben, direkt vor mir. Der Totenschädel auf dem Fensterstock bleckte seine Zähne in meine Richtung.
„Was machst Du hier?“, hörte ich mich hilflos fragen. Anstatt einer Antwort hob sie nur den Kopf und schenkte mir einen Blick aus ihren großen, traurigen Augen. Dann nahm sie den Schädel in ihre rechte Hand und… begann mit ihm zu sprechen. Sprechen? Nein, so konnte man es nicht nennen, denn sie bewegte nur die Lippen, aus ihrem Mund drang kein Wort.
Ich hatte keine Ahnung wo ich da hineingeraten war, doch sie tat mir leid. „Wen hast Du verloren?“, fragte ich leise und ging einen Schritt auf sie zu. Instinktiv wollte ich ihr eine Hand auf die Schulter legen, doch meine Hand glitt durch sie hindurch bis auf die kalte Treppe…
Mit einem Aufschrei des Entsetzens sprang ich zurück, prallte gegen die Wand und stieß mir den Hinterkopf, wodurch mir für einen Moment schwindlig wurde. Ein letztes Mal trafen sich unsere Blicke, dann löste sie sich vor meinen Augen auf. Zuerst schien sie nur noch wage aus Licht und Staubpartikeln zu bestehen, dann war sie fort…
Ich atmete laut ein als mir gewahr wurde, dass ich die ganze Zeit die Luft angehalten hatte. Das Mädchen war verschwunden, nur der hässliche Totenschädel saß noch auf der Treppe und bleckte mich mit seinen großen Zähnen an, als wollte er sagen: “Siehst Du mich, siehst Du Dich…!“
Mit drei großen Sätzen erreichte ich den Fuß der Treppe, an welchem ich meinen Rucksack abgestellt hatte, von nur einem Gedanken beseelt: „RAUS HIER!“
Ich lief nicht, ich rannte. Zurück auf den Gang. Der Rucksack schlug bei jedem Schritt gegen meinen Rücken. Der Abstand von Tür zu Tür schien sich zu verlängern, doch ich hatte schon davon gehört, dass man, wenn man in Panik geriet, solchen Sinnestäuschungen erliegen konnte. Gleichzeitig schien sich die Pendeltür, welche zur Eingangshalle und schließlich aus diesem Spukhaus hinausführte, immer weiter von mir zu entfernen.
Hinter mir schlug eine Tür zu. Mein Herz blieb stehen und ich wäre fast gefallen. Ich wagte nicht mich umzudrehen. Die Beine wurden mir weich und hielten mich fast nicht mehr. Völlig außer Atem erreichte ich die Pendeltür. Ich stieß sie nicht auf, ich brach hindurch. Im nächsten Augenblick erstarrte ich zur Salzsäule, alle Därme in meinem Leib zogen sich zusammen, mein Atem setzte aus. Ich stand nicht in der Eingangshalle. Ich stand in einem Gang, gesäumt von Türen, dem Spiegelbild dessen, aus dem ich gekommen war…
Wie benommen lehnte ich meinen Kopf gegen die Wand und schloss die Augen. Ich war den Tränen nahe. Was war hier los? Träumte ich? Wenn ja, dann war das der beschissenste Alptraum, den ich je hatte. Eine Erschütterung holte mich in die Realität zurück.
Ich stand noch immer in dem von Türen gesäumten Gang, die Pendeltür hinter mir. Es hatte sich angehört wie der Schlag eines Vorschlaghammers auf Beton. Zweimal kurz hintereinander. Ruhe… Nein, nicht ganz. Die leise Musik, welche ich früher schon vernommen hatte drang wieder an mein Ohr.
„Hallo!“, rief ich verzweifelt in Richtung der Pendeltür. „Ist hier jemand!“ Keine Antwort. Wo waren die Hammerschläge hergekommen? Sie schienen ganz nah. Hier musste jemand sein! Abermals legte ich mein Ohr an die Wand rechts neben mir und zuckte sogleich erschrocken zurück. Da waren sie wieder. Zwei Hammerschläge kurz hintereinander. Das Geräusch kam aus der Wand…
Dann sah ich etwas aus dem Augenwinkel und schollt mich sogleich meiner Schreckhaftigkeit, denn es war nur der Schatten eines Astes, der durch das Sonnenlicht auf den Gang geworfen wurde. Nichts Besonderes. Nur ein Schatten. Ich fixierte den Schatten. Die zarten Bewegungen des vom Wind gestreiften Astes, in Verbindung mit der leisen Musik, hatten eine hypnotische Wirkung. Dann veränderte sich der Schatten…
Der Schatten nahm zunächst konvulse Formen an und zog sich dann längs über den Gang hin. Das dunkle Ebenbild es Astes wogte in schlangenförmigen Bewegungen bis…bis da ein zweiter Ast war, der aus dem Ersten wuchs. Dann noch einer und gleich darauf zwei weitere am unteren Ende des Schattens.
Ich starrte auf das wogende Gebilde aus Licht und Schatten, ohne zu begreifen, was ich da sah. Es hatte sich ein Körper gebildet, mit Armen und Beinen, am oberen Ende zeigte er eine Verengung mit einem ovalen Fortsatz, einem Kopf…! An den Armen, oder dem was ich dafür hielt, bildeten sich mehrere kleinere, gekrümmte Auswüchse, die sich bogen und wieder streckten. Der Schatten hatte Klauen…
Ein Impuls befahl mit wegzulaufen, umzudrehen, durch die Pendeltür und dann…? Wohin? Zum Ausgang! Doch wo war dieser?! Eigentlich musste ich direkt davorstehen. Gab es denn noch einen Ausgang? Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Stattdessen stand ich wie gelähmt am Fleck und starrte auf die Erscheinung.
Der Schatten richtete sich vor meinen Augen auf. Aus Licht und Staubelementen bildete sich die Gestalt einer großen, schlanken und wunderschönen Frau. Schon ich war hochgewachsen, doch sie überragte mich um einiges. Ihre Bewegungen glichen noch immer der einer Schlange. Das Erscheinungsbild der Schlangenfrau wurde fester, physischer, nur ihr Skelett blieb weiterhin transparent. Anstelle von Fingern hatte sie lange schwarze Klauen.
Ich wollte schreien, doch mein Mund war zu trocken. „Wer bist Du? Was willst Du von mir?“ Die Stimme, mit der diese Worte aus meiner Kehle drangen, schien nicht die meine zu sein. Keine Antwort. Stattdessen ein durchdringender Blick aus ihren Basiliskenaugen, der mir allen Mut nahm.
Sie begann zu tanzen, auf eine schaurige Art anmutig, doch es waren noch immer die Bewegungen einer Schlange. „Was zur Hölle bist Du?!“, bellte ich hervor, als ich meine Stimme wiedergefunden hatte. Die Antwort war ein weiterer durchdringender Blick. Der Tanz war zu ende. Bevor ich noch ein Wort sagen oder irgendetwas unternehmen konnte, bewegte sie sich in rasender Geschwindigkeit auf mich zu…
Das geschah im Bruchteil einer Sekunde. Was mir in diesem Moment durch den Kopf ging, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich hörte mich selbst schreien, bevor mir bewusst war, dass ich es tat. Sie ging direkt durch mich hindurch und war verschwunden. Mir war schwindlig. Ich hatte das Gefühl mich übergeben zu müssen. Ich atmete dreimal tief durch, drehte mich um und sah nur die verdammte Pendeltür vor mir. Keine Spur von der Schlangenfrau.
Was nun? Wohin? Aufgeben war nicht meine Natur, obwohl ich mich noch nie in meinem Leben verzweifelter gefühlt hatte, als in diesem Moment. Mir kamen die Wegbeschreibungen in den Sinn, welche in der Eingangshalle auf dem Boden lagen. Hatten sämtliche Besucher vor mir das gleiche erlebt und was noch viel wichtiger war, was war aus ihnen geworden? Dies war wahrlich ein „Lost Place“.
Ich war Zeuge von zwei Erscheinungen der unheimlichsten Art geworden, welche ich vor dem Tag von dem ich hier berichte, für unmöglich gehalten, gar jeden der mir davon erzählte, als Spinner abgetan hätte. Was diese Gestalten, Wesen, Geister oder was immer sie auch waren anging, konnten sie mir anscheinend physisch nicht gefährlich werden. Oder wollten es nicht. Noch nicht. Wollte ich es darauf ankommen lassen? Nein.
Ich entschied mich, dem Gang, auf dem ich mich nun befand, weiter zu folgen, als mir etwas auffiel. Ein kleines, unverwechselbares Merkmal. Etwa einen Meter von der Pendeltür entfernt ragte, im rechten Winkel aufwärts gebogen, ein Nagel aus der Wand und daneben war ein Stück Farbe abgeblättert, das mit etwas Fantasie wie der Umriss Englands aussah. „Du legst mich nicht mehr rein…“, sagte ich leise zu mir selbst.
Wieder schien sich der Gang endlos zu ziehen. Es war das Haus. Es täuschte meine Sinne. Ich drehte mich noch einmal um und spähte nach dem Nagel. Er war noch da. Am Ende des Ganges führte wieder eine gebogene Treppe nach oben. Als ich die erste Stufe betrat vernahm ich wieder ein Geräusch. Ein Geräusch, als ob kleine Metallstäbe rhythmisch aufeinanderschlagen würden. Eine Spieluhr…
Obwohl mir das Herz bis zum Hals schlug, nahm ich allen Mut zusammen und stieg die Treppe empor. Die Klänge wurden lauter, lauter als man es von einer herkömmlichen Spieluhr erwarten würde. Nun war auch die Melodie zu erkennen. Es war Mendelssohns Hochzeitsmarsch, aber so langsam gespielt, dass er einem Walzer glich. Die Klänge waren anmutig und doch enthielt die Melodie einen falschen Ton, der durch Mark und Bein ging und mir die Nackenhaare zu Berge stehen ließ.
Ich wusste nicht, was mich erwarten würde und doch war ich bereit mich dem zu stellen, was da war. Es musste einen Sinn haben, warum ich dies durchlebte und das wollte ich herausfinden. Die Treppe führte auf einen Gang, welcher dem glich, von dem ich gekommen war. Alle Türen waren geschlossen, bis auf eine. Die Tür stand weit offen, aus ihr drangen Licht und die Klänge der Spieluhr.
Das gleißende Licht, welches aus dem offenstehenden Raum drang, hatte etwas Vereinnahmendes. Einem Teil von mir war bewusst, dass getäuscht wurde, doch meine Neugier siegte letztendlich und ich näherte mich dem Raum. Mir war, als ob fremde Beine mich zu der einzig offenstehenden Tür dieses Ganges trugen und so vergaß ich völlig den Nagel…
Der Raum war ähnlich rustikal eingerichtet, wie der erste, den ich betreten hatte, nur nicht so düster im Ambiente, eher feierlich. Auf der Kommode links neben mir stand ein Strauß blühender, roter Rosen. Wo kam der her? Die Girlanden ringsum im Raum wirkten wie von kindlicher Hand gefertigt. Ich suchte die Spieluhr, welche die Klänge erzeugte, die mich hierhergeführt hatten, doch es war keine da. Die Melodie kam aus den Wänden, sie war überall…
Da sich meine Augen an das grelle Licht gewöhnen mussten, erkannte ich erst ein Stück später eine Gestalt in der Mitte des Raumes. Anfangs sah ich nur ihre Silhouette, dann konnte ich ausmachen, dass es sich um eine junge Frau handelte. Sie trug ein langes, weißes Kleid, ein Hochzeitskleid. Sie tanzte, tanzte zu den Klängen der Spieluhr mit einem imaginären Partner und blickte ihm unentwegt in seine imaginären Augen.
Als sie sich mir zuwandte, erschrak ich für einen Moment, da ich dachte ihr Gesicht wäre entstellt, doch bei genauerem Hinsehen erkannte ich, dass es ihr von zu vielen Tränen verwaschenes Makeup war. Vermutlich bestand sie ebenso aus Licht und Staub, wie die anderen beiden, denen ich begegnet war, doch bei einem Blick in ihre Augen blieb mir das Herz stehen. Sie war eine traurige Braut, sie war „Die traurige Braut!“
Unsere Blicke trafen sich. Die Braut hörte auf zu tanzen. Im selben Augenblick verstummten die Klänge der Spieluhr. Ein Raunen ging durch den Raum, das mir einen Schauder über den Rücken jagte. Ein paar Sekunden standen wir so. Ich wagte es nicht zu sprechen. Dann faltete sie ihre Hände vor der Brust zum Gebet und vergrub gleich darauf ihr Gesicht in ihnen. Als sie wieder aufblickte, glitt sie an mir vorüber, während ihre Füße kaum den Boden berührten. Bevor sie den Raum verließ, drehte sie sich noch einmal zu mir um und warf mir einen Blick zu. Ihre Augen waren klar, rein und unverdorben. Wollte sie mich womöglich zum Ausgang führen? Ich folgte ihr…
Die Braut schwebte den Gang entlang. Ich hatte Mühe ihr zu folgen. Als ich sie einholte, stand sie am Fuß der Treppe. Wieder das Raunen, welches ich schon in dem Raum vernommen hatte, nur dröhnte es diesmal durch das ganze Haus, gefolgt von einem widerlich zischenden Geräusch, welches mir das Blut in den Adern gefrieren ließ…
Die Braut drehte sich um, blickte mir direkt in die Augen. In den Ihren stand die nackte Angst geschrieben. Zum ersten Mal sah ich, trotz der verwaschenen Schminke, wie schön sie war. Ihr Blick hatte etwas Flehendes. Da fragte ich mich, ob sie mir helfen wollte, oder mich um Hilfe bat.
Als hätte jemand ein Fenster im Winter geöffnet fuhr mir ein eiskalter Luftzug in den Rücken. Gleichzeitig ertönte das Zischen, diesmal direkt hinter mir. Ich fuhr herum und starrte gegen eine Wand. Nur eine Wand, sonst nichts. Die Braut glitt an mir vorüber, hin an die Wand, drehte sich zu mir um, ihr Blick flehender als vorher…
Ich schaute sie an, öffnete den Mund, wollte etwas sagen, brachte aber keinen Ton heraus. Die Braut streckte ihre Arme aus. Ich wollte ihre Hände ergreifen, doch fasste ich nur in Licht und Staub. Was ich dann sah, war mir wie ein Stich ins Herz. Zwei schwarze Klauen schlossen sich um ihren Körper. Ich wollte von Herzen etwas für sie tun, doch mir war, als läge eine zentnerschwere Last auf meiner Brust. Ich konnte mich nicht rühren…
Die Lippen der Braut öffneten und schlossen sich, doch ich konnte sie nicht verstehen. Dann erschien das Gesicht der Schlangenfrau über ihrer rechten Schulter, ihr Blick führsorglich und boshaft zugleich. „Nein!“, schrie ich mit aller Kraft. Ich konnte nichts tun und das brach mir das Herz. Die Braut schenkte mir einen letzten traurigen Blick, dann verschwanden beide in der Wand.
Ich stürzte zur Wand. Nichts! Nur festes, kaltes Mauerwerk. Dann ertönte wieder das Raunen. Diesmal so stark, dass die Wände vibrierten. Als der Spuk vorbei war, das Raunen verstummte, drängte sich der Gedanke diesem Gemäuer zu entfliehen wieder dominant in mein Bewusstsein. Zurück auf dem Gang, sah ich sie im Geiste noch immer vor mir. Wer war sie, diese Braut? Vermutlich war sie schon lange tot. Aber…ihre Augen! Ich konnte ihre Augen nicht vergessen…
Alles still. Ich ging weiter. Ich wollte zurück ins Erdgeschoss, die Eingangshalle wiederfinden und dann raus hier. Ich redete mir ein, dass ich in meiner Panik wohl in die falsche Richtung gelaufen war, doch tief in meinem Inneren wusste ich, dass dies nicht stimmte. Die Treppe kam näher. Noch immer war alles still. Zu still…
Die Stille gab mir die Gelegenheit zu beobachten, zu reflektieren und auf Details zu achten. Was mir auffiel war, dass sich der Verfall dieses, vor so langer Zeit verlassenen Gebäudes, auf ein Minimum beschränkte. Doch konnte ich meinen Augen trauen? Zweifel fraß sich in mein Gehirn. Ein Zweifel der nur Sekunden später zur schrecklichen Gewissheit wurde.
Nur noch ein paar Meter bis zur Treppe, da entdeckte ich etwas an der Wand links neben mir. Etwas, was dort nicht hingehörte. Ich atmete stoßweise, zitterte am ganzen Körper, in meinem Kopf drehte sich alles. Stand ich an der Schwelle zum Wahnsinn…? Aus der Wand ragte ein Nagel, im rechten Winkel aufwärts gebogen und daneben prangte das vereinigte Königreich…
Ich kniff meine Augen zusammen, ballte die Hände zu Fäusten, vergrub die Nägel dabei so tief ins Fleisch, dass es schmerzte. Als ich meine Augen wieder öffnete, war die Treppe verschwunden. Stattdessen stand ich direkt vor der Pendeltür. Ich wollte aus diesem Haus, welches ein einziger Albtraum war, einfach nur hinaus, doch wie es aussah konnte ich nicht einmal diesen einen verdammten Gang verlassen!
Ich öffnete den Mund um zu schreien, aus Angst, Verzweiflung, um Hilfe, nach irgendjemandem der mich vielleicht hören konnte. Der Schrei hallte durch das ganze Haus, ging durch Mark und Bein und ich benötigte einige Sekunden, um zu realisieren, dass es nicht mein eigener war. Jeder Muskel meines Körpers war angespannt. Schließlich gelang es mir meine versteinerte Haltung zu lösen. Langsam drehte ich mich um…
Wieder dieser Schrei, so unnatürlich durchdringend, dass er kaum einer menschlichen Kehle entspringen konnte. Vor mir stand ein Mann in aufgetrennter Zwangsjacke, Haare und Bart so lang, dass sie ihm über die Brust reichten. Er schrie und schrie ohne Luft zu holen, so lang am Stück, dass ich mir die Hände auf die Ohren presste, aus Angst mir würden die Trommelfelle platzen.
„Hör auf!“ brüllte ich ihm entgegen. „Hör verdammt nochmal auf so zu schreien!“ Da fiel mir auf, dass sein Mund zwar zum Schrei offenstand, ihm vor Anstrengung die Augen aus den Höhlen traten, doch der Schrei nicht von ihm kam. Er kam aus allen Richtungen und bündelte sich an genau dem Ort, an dem ich stand…
Mich überkam ein klaustrophobisches Gefühl. War der Gang schmäler geworden, oder war es nur meine Wahrnehmung desselben? Dann fiel mir auf, dass sich die Wände nach innen bogen, wie das Segel eines Schiffes, in das eine Windbö fuhr. Der Schrei verhallte und der Mann wandte mir sein Gesicht zu.
Ich sah keinen Zorn in seinen Augen, nur schmerzerfüllte Gutmütigkeit, Zeugnis unendlichen Leids. Ich wollte etwas sagen, doch meine Kehle war so trocken, dass ich kein Wort hervorbrachte. „Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen…“ Diese Worte hörte ich in meinem Geist. Wir fixierten einander. Seine Lippen bewegten sich nicht.
Das war ein Zitat aus der Bibel. Aber woher…Was zur Hölle war das!? Schmerzen durchfuhren meinen Körper, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Erst meine Hände, dann meine Füße und schließlich die Körpermitte. Mir wurde heiß, als stände die pralle Wüstensonne über mir, fühlte mich von Hunger und Durst verzehrt. Diesmal schrie ich wirklich und sank kraftlos vor ihm auf die Knie…
Ich schloss meine Augen und flehte aufzuwachen oder zu sterben. Irgendetwas… Nur damit diese Schmerzen aufhörten! Obwohl es sich nur um Sekunden handelte, kam es mir wie eine Ewigkeit vor. Dann ließen die Schmerzen nach. Als ich meine Augen öffnete war der Mann verschwunden und die Qual mit ihm…
Der Worte unnötig. Worte hätten niemals beschreiben können was ich in diesen Sekunden empfand. Ich fühlte seinen Schmerz. Fühlte das, was er vor langer Zeit erlitten hatte. Mir war eine Krankheit bekannt, die man das „Jerusalem Syndrom“, nannte, wobei sich die Betroffenen für Jesus selbst oder einen seiner Apostel hielten. Hatte der Mann unter dieser Krankheit gelitten, dann in ihrer extremsten Form. Er hatte die Leiden Christi durchlebt, jeden Tag, immer und immer wieder…
Mein Handy, schoss es mir durch den Kopf. Warum war ich nicht eher darauf gekommen? Ich zog es aus der Brusttasche, rief meine Kontakte auf und wählte die Nummer meines Freundes. Nichts geschah. Bei genauerem Blick auf das Display schwand meine Hoffnung. Kein mobiles Netz, keine Internetverbindung, nicht einmal der Notruf war aktiv. Kein Notruf vom Handy? Unmöglich! Dann fiel mir ein, dass es all jenes, als diese Wesen, die ich sah, noch aus Fleisch und Blut waren, noch nicht gab. Der Gedanke trieb mich in den Wahnsinn, aber wie es aussah, war die Zeit in diesen Mauern stehengeblieben…
Ich versuchte, mit dem letzten Rest an Selbstbeherrschung, den ich aufbringen konnte, einen klaren Gedanken zu fassen, einen rettenden Gedanken, irgendeine Idee wie ich dem hier entkommen konnte. Der Verzweiflung trotzen. Bloß nicht durchdrehen… Nichts. Mein Kopf fühlte sich kalt, leer und taub an. Stattdessen kam mir der irrsinnige Gedanke: „Was, wenn mir etwas zugestoßen war, was mein Geist verdrängt hatte und ich auf einer Intensivstation im Koma lag? Was, wenn es doch ein Traum war, der letzte Traum aus dem es kein Erwachen gab…“
Ein scheußliches Gedankenspiel, welches in tausend Fetzen zerrissen in meinem Unterbewusstsein verschwand, als sich neben mir eine Tür öffnete. Instinktiv wich ich zurück. Meine Neugier war gesättigt. Zufälle gab es hier keine, das hatte ich gelernt. Wieder fraß sich ein ungutes Gefühl durch meine Eingeweide. Ich näherte mich langsam, vorsichtig, gerade nahe genug um einen Blick zu riskieren.
Noch bevor ich den bärtigen Mann auf einer Bank sitzen sah, drang sein Schrei über den Gang bis in den letzten Winkel des Hauses. Ich presste die Hände seitlich an meinen Kopf, der mir zu zerspringen drohte. Er saß nur da und schrie, den Kopf zum Licht gewandt. Das Licht drang durch ein riesiges Fenster in den Raum und gestattete mir einen Blick auf dessen Einrichtung. Sie bestand aus mehreren runden Tischen, Stühlen und einer Durchreiche, welche in eine Wand eingelassen war. Der Speiseraum.
Gerade wollte ich den Mann wieder beschwichtigen mit dem Schreien aufzuhören, als er es von selber tat. Nicht nur das, er war verschwunden, doch meine Intuition sagte mir, dass es noch nicht vorbei war. Er war noch da. Als ich aufblickte, sah ich ihn auf dem Fenstersims stehen. Sein Blick war durchdringend auf mich gerichtet und wieder hörte ich seine Stimme, ohne dass er die Lippen bewegte. „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“ Dann nahm er die Haltung des Gekreuzigten ein.
Ich hatte genug gesehen, genug gehört. Ich drehte mich um zur Tür und befürchtete eine Schreckenssekunde lang, dass sie nicht mehr vorhanden war. Aber sie war noch an ihrem Platz, stand offen und gab den Weg auf den Gang frei. Ohne mich noch einmal umzudrehen, verließ ich den Raum.
Ich warf noch einen Blick auf den Gang und sah so aus dem Augenwinkel, wie sich die Tür, aus der ich getreten war, langsam schloss. Dann ging ich durch die Pendeltür. Dabei stieß das rechte Pendel an ein Hindernis, so dass ich hindurch stolperte. Mit einem unanständigen Fluch behielt ich Halt und sah nach wogegen ich da gestoßen war. Wenn ich zu diesem Zeitpunkt geglaubt hatte das Schlimmste überstanden zu haben, so stand mir der nächste Schock kurz zuvor. Für einen Augenblick hielt ich es für einen Halloweenscherz…
Es war nichts ungewöhnliches, dass Lost Placer bei ihren Besuchen ihr Markenzeichen, oder einen Gag für kommende Besucher hinterließen. Zuerst sah ich nur lose hängende Kleidung, ein Hoodie, eine Jeans und letztendlich zwei skelettierte Knöchel, die haltlos in einem Paar Turnschuhen steckten. Da der Gang im Zwielicht lag, konnte man den oberen Bereich nur undeutlich erkennen. Ich holte meine Taschenlampe hervor…
Es dauerte einen Moment, bis ich realisierte, was geschehen war. Auf was das Licht meiner Taschenlampe da fiel. Oder sollte ich sagen, auf wen?! Mit dem Verstand versuchte ich mir einzureden, dass es sich nur um einen Haufen Lumpen handelte, auf dem man einen Totenschädel platziert hatte, wie ich ihn zuletzt auf der Treppe sah. Dann sah ich das, aus der Decke hängende Kabel, an dem sich der Mann erhängt hatte.
Die Leiche war männlich, soviel konnte ich erkennen. Sein Alter, oder wie lange er schon dort hing, war nicht festzustellen. Mich beschlich die leise Hoffnung, dass er, wie die anderen Erscheinungen, wenn ich ihn berührte, zu Staub zerfallen würde. Noch bevor ich meine Hand ausstreckte, um mich davon zu überzeugen, war mir klar, dass es diesmal nicht geschah…
Der Stoff fühlte sich talgig an und als meine Hand dann etwas umschloss, was sich wie eine blanke Kniescheibe anfühlte, zog ich sie blitzschnell zurück. „Wer warst Du?“, sprach ich leise zu mir selbst. Mir fiel auf, dass die Leiche nicht im eigentlichen Sinne verwest, sondern auf merkwürdige Weise mumifiziert war.
Der nächste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss war, ihn auf seine Personalien zu untersuchen, um herauszufinden, wer er war. Gesunder Respekt und Ehrfurcht hielten mich von dieser morbiden Handlung jedoch ab. Dann fielen mir zwei Dinge auf, welche ich vorher nicht bemerkt hatte. Zum einen war es ein Hocker aus massivem Eichenholz, der umgestoßen zu seinen Füßen lag, zum zweiten ein zusammengefaltetes Stück Papier, welches aus einer Seitentasche seines Hoodies ragte. Ich griff danach, faltete es auf und hielt eine Wegbeschreibung in der Hand, die ebenfalls identisch mit der war, die sich in meinem Besitz befand..
Wilde Panik schloss sich wie eine Klaue um mein Herz. Wie lange hattest Du nach einem Ausgang gesucht? Ein paar Stunden, einen Tag, mehrere Tage…? Wie lange war ich eigentlich schon in diesem Haus? Mir fehlte jedes Zeitgefühl. Wieder kramte ich mein Handy hervor. Das Display leuchtete einen Moment hell auf, wie eine Taschenlampe, dann flackerte es und wurde immer dunkler. Bilder und Anzeigen waren nicht mehr vorhanden…
Wie weit war ich noch vom Wahnsinn entfernt, davon entfernt komplett durchzudrehen und als letzten Ausweg den Schritt zu gehen, den dieser Mann gegangen war? Nein, so weit war ich noch nicht. Noch waren nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft und mein Selbsterhaltungstrieb zu stark!
Blindlinks riss ich eine der Türen auf. Bis auf zwei alte Kommoden war der Raum leer. Ich rannte zum Fenster, umfasste den Griff und rüttelte mit aller Kraft daran. Nichts geschah. Der Raum hatte ein zweites Fenster. Auch da hatte ich keinen Erfolg. Ich sah den Wald, die Schäfchenwolken und den blauen Himmel, doch konnte ich den Boden nicht erkennen. Wie hoch lag das Stockwerk, in dem ich mich befand? Ich hatte keine Ahnung. Ich hatte keine Ahnung, ob das Wort „Hier“ in diesem Haus überhaupt eine Bedeutung besaß…
Aus einem Fenster springen, wenn man nicht wusste wie tief es runter ging? Das sah mir gar nicht ähnlich. Doch in diesem Augenblick war es mir egal. Selbst wenn ich mir ein Bein brach, oder Beide, vielleicht würde mein Handy außerhalb des Hauses wieder funktionieren und ich konnte Hilfe anfordern. Aber erst einmal war es notwendig eines der Fenster zu öffnen. Ich rannte zurück auf den Gang und holte den Hocker aus Eichenholz, welcher dem bedauernswerten Mann als Werkzeug zum Suizid gedient hatte.
Mit einem Wutschrei rannte ich in das Zimmer zurück und schmetterte den Hocker mit aller Wucht gegen das Fenster. Das Geräusch war dumpf, wie wenn man mit der Faust gegen Styropor schlug. Der Hocker fiel zu Boden. Das Fenster wies keinen Sprung auf, es hatte nicht einmal einen Kratzer…
Mir liefen die Tränen übers Gesicht. Ein weiterer Wutschrei, in der Hoffnung, die Fenster würden davon zerspringen. Aber das war nicht alles. Ich hatte etwas gesehen, nur für den Bruchteil einer Sekunde. Um das Fenster herum war ein Flimmern erschienen, wie man es aus alten Kinovorführungen kannte, wenn der Film zerriss. Das Mauerwerk, um das Fenster herum, war verkohlt. Das Fenster an sich bestand nur noch aus einer spitzen Scherbe, die nach oben ragte und von der ein Tropfen Blut hinab rann…
Was hatte ich da verdammt nochmal gesehen? Hatte ich mit offenen Augen geträumt? Nein! Ich lebte in einem Traum und das was ich da gesehen hatte, für den Bruchteil einer Sekunde, war die Realität!
Diese Erkenntnis durchfuhr mich wie Eisregen auf nackter Haut. Dieser Ort war nicht der, den er den Augen vorgab zu sein. Soviel war mir klar. Inwiefern konnte ich meinen Augen überhaupt noch trauen? Meine Fantasie ging mit mir auf Reisen, einen Berg Todesangst im Gepäck. Was, wenn ich einen Gang vor mir sah und währenddessen in eine Grube stürzte, sich ein Kabel um meinen Hals schlang und…
Mit wackeligen Beinen wich ich zwei Schritt vom Fenster zurück, als ich wieder etwas sah. Zuerst dachte ich, die Erscheinung von gerade eben würde sich wiederholen, doch sie war anders. Ein langes schwarzes Gebilde erhob sich am Rand des Fensters. Ein Schatten. Er schlängelte sich am Fensterrahmen hoch und formte sich zu dem Schatten einer großen schlanken Frau, mir den Rücken zugewandt. Noch bevor sie sich, mit der Geschmeidigkeit einer Python, zu mir umdrehte, wusste ich, wer sie war…
Die Schlangenfrau war anders gekleidet, als bei unserer ersten Begegnung, doch ihr seelenfressender Blick raubte mir den letzten Rest Selbstbewusstsein, der meinem Herzen innewohnte. „Hau ab! Lass mich in Ruhe!“, brüllte ich. So hysterisch hatte ich mich selbst noch nie erlebt, das machte mir noch mehr Angst. Ihre Lippen umspielte ein Lächeln, dass auf boshafte Weise freundlich, gar einladend wirkte. War sie die Herrin des Hauses? War sie verantwortlich für das, was hier vor so vielen Jahren geschah…?
Noch einmal schrie ich ihr meine Wut entgegen, dann drehte ich mich um und verließ den Raum. Der Gang hatte sich nicht verändert. Scheinbar. Mit vor Verzweiflung und Mitgefühl getränktem Herz schenkte ich dem Erhängten einen letzten Blick, dann machte ich mich wieder auf die Suche nach einem Ausgang aus diesem Labyrinth.
Nur wenige Schritte weit gekommen, hielt ich inne. Die letzten Minuten war es still im Haus gewesen, doch jetzt drang wieder etwas an mein Ohr. Es war die Melodie. Dieselbe Melodie aus dem Radio, welche ich kurz nach meinem Betreten dieses Ortes, vernommen hatte. Diesmal schien sie näher und deutlicher, als hätte jemand den Lautstärkeregler nach oben gedreht. Schließlich erkannte ich den Song. Es war „Hotel California“ von den „Eagles“. Ob der arme, erhängte Mann hinter mir in seinen letzten Minuten wohl die gleiche Melodie hörte? Vor ein paar Stunden im Auto hatte mich der Text noch belustigt. Jetzt fiel ich schluchzend auf die Knie, als ich die Worte verstand:
„You can check out any time you like
But you can never leave!"
FORTSETZUNG FOLGT
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📸 Steffen Wutzler
Lieben Dank und Grüße an DCP -Dark Crossing Pictures-
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