01/06/2026
Irrgast auf Abwegen: Wenn der Bläuling zum Taxi wird
Heute möchte ich euch ein paar Aufnahmen von Hauhechel-Bläulingen zeigen. Genauer gesagt von einem Männchen, einem Weibchen und möglicherweise sogar einem echten Exoten der besonderen Art.
Auf den ersten Blick sehen sich Männchen und Weibchen recht ähnlich. Schaut man genauer hin, werden die Unterschiede jedoch deutlich. Das Männchen besitzt auf der Oberseite der Flügel die typische leuchtend blaue Färbung, die durch spezielle Schuppenstrukturen entsteht. Das Weibchen ist meist deutlich dunkler gefärbt und zeigt oft einen breiten braunen Randbereich sowie orangefarbene Flecken am Flügelrand. Die Unterseiten beider Geschlechter sind dagegen recht ähnlich und dienen vor allem der Tarnung.
Besonders spannend ist allerdings ein weiteres Individuum, das ich fotografieren konnte. Es zeigt Merkmale beider Geschlechter und wirkt auf den ersten Blick fast wie ein Zwitter. Ob es sich tatsächlich um einen sogenannten Gynandromorphen handelt, lässt sich anhand von Fotos allein meist nicht mit letzter Sicherheit bestimmen. Bei solchen äußerst seltenen Tieren treten männliche und weibliche Merkmale gleichzeitig auf, teilweise sogar spiegelbildlich auf den beiden Körperseiten verteilt. Sollte dieser Eindruck zutreffen, wäre das ein außergewöhnlicher Fund, denn gynandromorphe Schmetterlinge werden nur sehr selten beobachtet.
Doch diese Bläulinge haben noch etwas ganz Besonderes an sich. Bei genauer Betrachtung erkennt man zahlreiche kleine Larven, die sich an ihren Körpern festgeklammert haben. Dabei handelt es sich um die sogenannten Triungulinen des Ölkäfers. Diese frisch geschlüpften Larven verfolgen eine bemerkenswerte Strategie. Sie klettern auf Blüten und warten dort auf ein vorbeikommendes Insekt, das sie als Transportmittel nutzen können.
Eigentlich haben es die Larven auf bestimmte bodennistende Wildbienen abgesehen. Sobald eine geeignete Wildbiene eine Blüte besucht, klammern sich die Larven an ihr fest und lassen sich direkt in deren Nest transportieren. Dort ernähren sie sich zunächst von einem Bienenei und anschließend von den eingelagerten Pollen- und Nektarvorräten. Nur auf diese Weise können sie ihre Entwicklung erfolgreich fortsetzen.
Allerdings passieren den winzigen Larven immer wieder Fehler. Manchmal landen sie auf einem Schmetterling wie dem Hauhechel-Bläuling. Für den Falter bedeutet das zusätzliche Last und vermutlich eine gewisse Beeinträchtigung beim Fliegen. Für die Larven endet diese Verwechslung jedoch meist tödlich, da Schmetterlinge keine Nester anlegen und ihnen somit der Zugang zu Nahrung und einem geeigneten Entwicklungsort verwehrt bleibt.
Doch auch andere Irrtümer kommen vor. Gelegentlich klammern sich die Larven an eine Hummel oder sogar an eine Honigbiene. Obwohl diese ebenfalls zu den Bienen gehören, führt auch diese Mitfahrgelegenheit meist nicht zum gewünschten Ziel. Die Larven der meisten heimischen Ölkäferarten sind auf die Nester bestimmter solitär lebender Wildbienen spezialisiert. In den Staaten von Hummeln und Honigbienen finden sie daher nicht die Bedingungen vor, die sie für ihre Entwicklung benötigen. Auch hier endet die Reise in der Regel erfolglos.
Ein wenig beruhigend ist dabei die Erkenntnis, dass solche Beobachtungen oft ein gutes Zeichen für die Natur sind. Für mich ist es immer wieder faszinierend: Dort, wo Ölkäfer vorkommen, gibt es meist auch noch ausreichend Wildbienen. Da viele Ölkäferarten zwingend auf Wildbienennester angewiesen sind, deutet ihr Auftreten häufig auf einen noch funktionierenden Lebensraum mit einer vielfältigen Wildbienenfauna hin.
So zeigen diese kleinen Bläulinge heute nicht nur ihre Schönheit, sondern erzählen ganz nebenbei auch eine spannende Geschichte über Irrtümer, Mitfahrgelegenheiten und die erstaunlich komplizierten Lebenswege unserer heimischen Insektenwelt. Und vielleicht war sogar ein äußerst seltener Schmetterling dabei, der sich nicht so recht entscheiden wollte, ob er nun Männchen oder Weibchen sein möchte. 🦋🐝🪲
Mehr zu dem Thema gibt es hier: https://www.ardmediathek.de/video/mdr-garten/schwarzblauer-oelkaefer-kaefer-des-jahres-2020/mdr/Y3JpZDovL21kci5kZS9iZWl0cmFnL2Ntcy8zODgxNWQ3NS1lYTgwLTQxNmQtODE0My1lMDQzMGRkYzFkZWQ