17/11/2020
Ein milder, sonniger Novembertag. 🏭 Wind zieht durch das verlassene Backsteingebäude, ein bronzefarbenes Licht gleitet durch zerborstene Scheiben in die leeren Räume, die bunt gemusterte Tapete löst sich in dicken Streifen von der Wand. Staub, Scherben, abgestürzte Gitterleuchten und splitterndes Holz liegen verstreut auf dem Boden, eine alte Schreibmaschine rostet mit schiefer Tastatur vor sich hin. Die Toiletten liegen in blauen Scherben und vergilbte Entwürfe für orientalische Teppiche fegen durch die offenen Büroräume, während feingewirkte Gardinen und tiefrote Vorhänge aufbauschen und Holztüren knarren.
Dies sind Bedingungen, die ein Fotograf sich nur erträumen kann für das perfekte Bild eines verlassenen Ortes oder Lost Place. Dieses alte Fabrikgebäude einer ehemaligen Teppichmanufaktur stand nahezu unverriegelt, und ohne Hürden zu überwinden konnte man durch die Büros, die Säle und die ehemaligen Werkstätten streifen. Vorsicht war nur geboten, nicht auf eine morsche Bodendiele zu treten. Zahlreiche Decken waren schon eingestürzt und boten ungewöhnliche Perspektiven auf die im farbenfrohen DDR-Stil gehaltenen Räumlichkeiten.
Die traditionsreiche Fabrik wird seit gestern, dem 17.11., für immer abgerissen werden, um einem Gewerbegebiet Platz zu schaffen. (In Leipzig hätte man mindestens Loftwohnungen, im besseren Falle zusätzlich Künstlerateliers und Galerien gebaut, um dem Denkmal gerecht zu werden). Ein großes Glück für mich, meinen Begleiter und zahlreiche weitere Fotografen, die den letzten Tag einer möglichen Begehung unter besten Lichtbedingungen noch einmal nutzten und das perfekte Motiv suchten und (jeder auf seine Weise) gewiss auch fanden.
Viel Freude beim Durch-die-Gänge-Streifen und Mitgruseln (vor allem die dunklen Bilder erinnern mich an einige wirklich gruselige Momente)! 😅