26/04/2026
Da war dieses Gefühl
Seit Emmy vor 2 Jahren gestorben ist, hatte ich zu keinem Zeitpunkt den konkreten Wunsch, einen weiteren Hund zu adoptieren. Schließlich hatten wir noch 4 wunderbare Jungs: Luke, Patch, Nico und Ori.
Die Lücke, die Emmy hinterließ, war immens.
Aber wir lernten, mit dieser Lücke zu leben. Die Jungs schafften es, sie in den beiden Jahren zumindest spürbar zu schmälern.
Sie fehlte und doch fehlte es uns an nichts.
Als vor wenigen Wochen klar war, dass Nico schwer und unheilbar krank war, es sich bitterböse zeigte, dass uns nicht mehr viel Zeit bleiben würde, wusste ich sofort: wenn Nico nicht mehr bei uns ist, werden wir einem weiteren Hund ein Zuhause bei uns schenken.
Das war ein so starkes Gefühl, eines, das dir klar zu verstehen gab: das ist dein Weg!
Noch während Nico da war, als bereits absehbar war, dass wir nur noch von wenigen Tagen sprechen können, weil die letzten Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft waren und keine Besserungen brachten, schaute ich bereits nach Hunden, die ein Zuhause suchten.
Und ja, das zu schreiben fällt mir nicht leicht, aber ich wusste einfach, was auf uns zu kam. Ich wusste es… und ich bereitete mich vor.
Und dabei schaute ich nicht irgendwo… mir war klar: es „muss“ ein Hund von Parenas Pfotenhilfe sein, dem Verein, dem Refugio, bei dem ich vor über 7 Jahren eine Woche ehrenamtlich vor Ort in Spanien half und dort Nico, damals Nicola, kennenlernte. Er suchte zu dem Zeitpunkt schon seit 2 Jahren seine Familie, niemand wollte ihm eine Chance geben. Also entschieden wir, Pflegestelle für ihn zu werden und naja… „Der Rest ist Geschichte!“, wie man so schön sagt.
Dem Gefühl, dass mich immer wieder zu deren Seite führte, konnte ich nichts entgegen setzen. Auch nicht, dass ich nach Mädels schaute. Und auch, wenn ich natürlich nicht nach einem „Ersatz“ für Nico suchte, natürlich nicht, so war ich doch auf der Suche nach einem Hund, der mich irgendwie auf irgendeine Weise an ihn erinnerte: schwarz sollte sie sein, schüchtern, ungesehen… Krankheiten, Alter,… war mir, war uns, nicht wichtig. Ich wusste genau, nach was ich suchte.
Aber ich beendete erst einmal die Suche, denn ich wollte ganz für Nico da sein. Ich begleitete ihn in seinen letzten Tagen, Stunden, Minuten, Sekunden, bis zu seinem letzten Atemzug. Und darüber hinaus…
Und es war, wie ich es kommen sah:
Die Lücke, die er hinterließ, war nicht auszuhalten, auch Emmys Lücke war plötzlich wieder deutlich spürbar. Für mich. Für Oli. Für Luke, Patch und Ori. Nico fehlte. Emmy fehlte. Das „alte Rudel“ fehlte. Es fehlte „jemand“.
Ich merkte: anders, als nach Emmys Tod, schaffen wir es nicht, uns wieder zu fangen. Nicht alleine.
Also machte ich mich wenige Tage nach Nicos Tod wieder auf die Suche, dieses Mal sehr konkret. Ich ließ mich von dem Gefühl leiten, dass das nun unser Weg ist.
Ich fragte bei Parenas Pfotenhilfe für einen Hund an, den ich toll fand und es meldete sich prompt jemand vom Verein, wir schrieben etwas hin und her (der Hund war bereits reserviert) und sie erzählte mir, dass sie gerade frisch eine Hündin bei sich auf Pflegestelle hätte. Nebula wartete bei ihr in Ostfriesland auf ihre Für-Immer-Familie.
Ich hatte Nebula sogar auf der Webseite gesehen, gelesen dass sie in Ostfriesland auf einer Pflegestelle lebt und nicht weitergeschaut, weil ich dachte, Ostfriesland sei am Allerwertesten der Welt und für uns für eine Tagestour nicht erreichbar.
Ich telefonierte mit Nebulas Pflegefrauchen, es war ein tolles Gespräch, ich fand heraus, dass Ostfriesland „nur“ 4 Stunden entfernt war und mein Gefühl sagte mir: fahr sie besuchen.
Einen Samstag später tat ich das, gemeinsam mit meiner besten Freundin. 4 Stunden hin, 4 Stunden Nebula und ihre Pflegefamilie kennengelernt, 4 Stunden zurück.
Da auch die Vorkontrolle gut lief und der Adoption aus Seiten des Vereins nichts im Wege stand, sagten wir zu:
Nebula würde 2 Wochen später bei uns einziehen.
Das war gestern…
Warum ich euch nicht eher mitgenommen, euch nichts davon erzählt habe?
Weil ich unsicher war, weil ich mich verrückt gemacht habe, total verrückt gemacht habe. Ich habe meinem Gefühl misstraut. Mein Kopf hat sich ständig eingeschaltet, hat mir die schlimmsten Schreckensszenarien vor Augen gehalten, mich unentwegt durchspielen lassen, was alles schief gehen könnte und er war laut. Sooooo laut.
Er sagte Sachen wie: Das ist zu früh! Was sagen die Leute? Das ist dir gerade zu viel! Das schaffst du nicht! Was, wenn die Hunde sie nicht mögen? Was, wenn sie es doch nicht ist? Was, wenn du deinem Gefühl gerade gar nicht trauen kannst? Das ist nicht sicher, nicht sicher genug….
Mein Gefühl versuchte immer wieder dagegen anzugehen, aber es war nach Nicos Tod geschwächt, das habe ich deutlich gespürt. Ich war geschwächt. Mein Kopf hatte in den letzten 3 Wochen eine Macht, die er vorher nicht hatte. Und die nutze er.
Also wusste nur der „innere Kreis“ Bescheid, dass wir Nebula adoptieren wollen, aus Sorge, mein Kopf würde siegen, mein Gefühl zum Schweigen bringen und mich einen Rückzieher machen lassen.
Ich habe für Nebula gekämpft. Nicht mit dem Verein. Nicht mit meiner Familie. Sondern mit mir selbst.
Mein Gefühl war so klar: Sie ist es! Das ist euer Weg!
Aber es brauchte so viel Anstrengung, daran festzuhalten.
Der Tag gestern war heftig, eine Achterbahn der Gefühle. Die viele Stunden Fahrt, bei denen man so herrlich grübeln kann, waren keine wirkliche Hilfe. Meine beste Freundin, die mich wieder begleitete, hatte alle Mühe, mich auf andere Gedanken zu bringen.
Und dann kamen wir an, ich sah Nebula und die anderen und endlich wurde es stiller in meinem Kopf.
2 Stunden später waren wir im Auto auf dem Weg nach Hause.
Nela reagierte erst ängstlich, war sehr nervös, sie kannte es nicht, war plötzlich alleine, ohne die Menschen und Hunde, bei denen sie 4 Wochen lang ein Zuhause hatte. Mein Gefühl sagte mir, dass das völlig okay ist, ich verstand sie, aber mein Kopf schrie wieder herum und ich wurde muchsmäuschenstill.
Sie beruhigte sich schnell, lag den meisten Teil der Fahrt und schlief hier und da sogar ein. Wenn wir im Stau standen, reckte sie immer mal wieder ihr Köpfchen, beglotze die Autos um uns herum und legte sich wieder hin.
Mein Kopf wurde stiller. Kurz bevor wir Zuhause ankamen, bzw. an einem Treffpunkt etwas entfernt, kurz vor dem Kennenlernen der Jungs, war es nochmal schlimm… Der Moment, vor dem ich die größte Sorge hatte.
Ich hatte sie nicht mitgenommen, weil die Fahrt für jeden der drei enormen Stress bedeutet hätte. Das wollte ich nicht für sie. Auch bei Ori hatten sich vorher nicht alle kennengelernt, Nico kannte nur ich, als er aus Spanien zu uns kam.
Von Nico und Ori wusste ich aber, dass es bei Luke und Patch erstmal Gepöbel an der Leine geben wird. Die beiden Leinenpöbler eben…
Darauf bereitete ich mich vor.
Oli stand am Rathaus mit Luke, Patch und Ori. Ich begrüßte sie zuerst. Dann ging ich zum Kofferraum, sicherte Nela und ließ sie hinausspringen. Die Hunde sahen sich und… freuten sich. Ori und Patch wedelten sofort und schnupperten gut gelaunt in ihre Richtung. Luke nickte sie ab, als würde er sagen: „Da ist sie ja endlich, von der du seit Wochen redest.“ und tat eher gleichgültig, was ein großes Lob für Nela war.
Begleitet wurde das erste Kennenlernen von dem Spielmannszug der Feuerwehr, der pünktlich um die Ecke an der Kirche, für uns nicht sichtbar, einsetzte.
Nela war überfordert, Patch war es. Was für ein Timing…
Aber wir spazierten einfach los und entfernten uns von der Musik.
Kurze Zeit später gingen wir gemeinsam ins Haus.
Wieder ein Moment, den ich im Kopf immer und immer wieder durchgespielt habe mit allem, was schief gehen könnte und was war? Nichts war.
Ich ging mit Nela ins Wohnzimmer und nach und nach durften die Jungs dazu kommen und sich beschnuppern. Kurz danach lagen alle Jungs auf dem Sofa, entspannt und schliefen. Als wäre alles wie immer. Als wäre Nela einfach nur eine Weile weggewesen und nun endlich wieder da.
Und so ging es weiter. Das Füttern klappte problemlos, die erste Nacht, das erste gemeinsame Aufstehen, der erste gemeinsame richtige Spaziergang, der erste Sonntag-Alltag,…
Bei Nico sagte ich, dass war damals innerhalb von wenigen Tagen so, als wäre er schon lange Teil des Rudels.
Bei Nela hatte ich das Gefühl heute, nach einem Tag.
Sie ist noch ängstlich und verunsichert, vorsichtig, muss diese Welt und uns erst kennenlernen, wer könnte es ihr verübeln? 6 Jahre lang hat sie darauf gewartet, endlich solch ein Leben führen zu dürfen, 4 davon vermutlich unter schlimmen Bedingungen, 2 davon im Refugio.
Wir haben die Geduld und die Ruhe, sie Stück für Stück in ihr neues Leben zu begleiten. Und sie will dieses Leben, das zeigt sie schon ganz deutlich.
Sie ist ein Goldstück und ich bin froh und stolz, meinem Gefühl vertraut und darauf gehört zu haben. Dankbar, dass auch mein Mann diesem Gefühl vertraut hat. Dankbar, dass meine Jungs sie so lieb empfangen haben und sie so schnell als Teil des Rudels akzeptiert haben.
Warum ich meinem Gefühl so sehr und unbedingt vertrauen wollte, dem schreienden Kopf zum Trotz?
Wegen Nico…
Ich glaube, dass er mich auf die Webseite von Parenas geführt hat, dass er mich sicher wissen ließ, dass es ein Mädel sein würde, dass es eine sein würde, die uns an ihn erinnert. Die aus „seiner Ecke“ kam, die wie er, so lange ungesehen war, der niemand eine Chance geben wollte, die schwarz war, die mit ihren Narben zeigte, dass kein leichtes Leben hinter ihr lag, der man das anmerkte…
Meine Vorstellungen waren so konkret, als wären sie mir von jemandem vorgegeben worden.
Gestern Abend hat sich Nela neben dem Bett und neben mir auf Nicos Schlafplatz gelegt. Ich hatte ihn freigemacht und mir gesagt, dass das okay wäre.�Dass es doch schön wäre, wenn Nicos sicherer Ort auch ihrer sein würde.
Heute hat sie sich das erste Mal aufs Sofa getraut und sich wenig später auf Nicos Platz gelegt. Den Platz, den er von seinem ersten und bis zu seinem letzten Tag an als seinen Platz auserkoren hatte.
Als ich mich neben sie setzte und sie streichelte und aufhörte, stupste sie leicht an meine Hand und ich sah Nico vor mir, wie er immer die Zähne fletschte und das schönste Grinsen aufsetze, wenn er wollte, dass ich ihn weiter streichle.
Die Lücke, die Nico und Emmy hinterlassen haben, ist durch Nela nicht gefüllt worden, das wird sie nie und dennoch fühlen wir uns wieder „vollständig“.
Nela ist da. Und irgendwie ist es auch Nico. Irgendwie ist es auch Emmy.
Und das lässt und alle durchatmen.
Mein Kopf schaltet sich hier und da nochmal kurz ein, aber er hat seine Stärke verloren, mein Gefühl hat wieder die Oberhand.
Nicht nur das… die letzten Wochen haben mir gezeigt und bewiesen, WIE SEHR ich meinem Gefühl trauen kann.
Weil dieses Gefühl nicht immer nur von mir kommt.
Wir sind und bleiben verbunden. Daran glaube ich ganz fest.
Und ebenso glaube ich, dass ein Gefühl nicht nur von uns selbst kommt.
Nela sollte den Weg zu uns finden.
Und Nico hat dafür gesorgt.
Da war dieses Gefühl.
Da war Nico…
Ich freue mich auf das, was nun kommt, auf dieses neue Leben mit Nela. Darauf, mit ihr ihre neue Welt zu erkunden. Zu sehen, wie dieses neue Rudel zusammenwächst. Was sie für jeden der Jungs sein wird.
Was sie für mich sein wird.
Ich vermisse Nico schrecklich, aber er ist hier, hier mitten unter uns.
Und er wird uns auf diesem neuen Weg begleiten. Wie auch Emmy das seit 2 Jahren macht.
Was haben ich doch für ein Glück, solche wunderbaren Hunde in meinem Leben zu haben.
Emmy, Nico, Luke, Patch, Ori und nun auch Nela ❤️
Nela auf Nicos Platz im Wohnzimmer ❤️