15/04/2026
Ich bin mit Geschichten aufgewachsen, die nie ganz erzählt wurden.
Meine Großeltern waren Sudetendeutsche, aber das war lange kein Satz, den ich wirklich greifen konnte. Es war eher etwas, das zwischen den Zeilen lag, in kleinen Bemerkungen, in Blicken, im Zögern, wenn es um früher ging.
Ich erinnere mich nicht an klare Erzählungen, sondern an ein Gefühl. Als hätte es einmal ein Leben gegeben, das einfach da war, mit Häusern, Wegen, vertrauten Orten – und dann plötzlich nicht mehr. Ein Gehen, das nicht gewählt war, sondern passiert ist. Und mit ihm ein Verlust, der keinen richtigen Platz gefunden hat, weil es nicht nur um Dinge ging, sondern um etwas Tieferes, etwas, das schwerer zu benennen ist.
Was mich heute daran bewegt, ist weniger die Geschichte selbst als das, was von ihr geblieben ist. Denn wenn Menschen ihren Ort verlieren, verlieren sie oft auch etwas von dieser stillen Selbstverständlichkeit, da zu sein. Raum einzunehmen, ohne sich erklären zu müssen. Sichtbar zu sein, ohne sich zu rechtfertigen.
Und ich frage mich, wie viel davon weitergegeben wird, ohne dass wir es merken. Wie sich Erfahrungen, die nie ganz ausgesprochen wurden, in etwas verwandeln, das wir heute für uns selbst halten. Dieses vorsichtige Sich-Zeigen. Dieses leise Abwägen, wie viel von uns wirklich in den Raum darf.
Es fühlt sich manchmal so an, als würde ich eine Spur in mir tragen, die älter ist als ich. Eine, die nicht laut ist, aber spürbar. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sich etwas verschiebt. Wenn ich beginne zu sehen, dass meine Unsichtbarkeit nicht einfach ein persönliches Thema ist, sondern auch aus einer Geschichte kommt, die vor mir begonnen hat.
Dann verliert sie ein Stück von ihrer Schwere. Und gleichzeitig zeigt sich etwas anderes darin. Etwas, das einmal notwendig war.
Vielleicht ist meine Unsichtbarkeit kein Problem.
Vielleicht war sie zuerst ein Schutz. Nun ist darf ich mir die Frage stellen: Brauch ich diesen Schutz noch?
Schreib mir gerne deine Geschichte in die Kommentare 🫶