21/12/2020
Zur Unglaublichen Leistung der Pflege. Bitte lesen und an alle Zweifler leiten.
Müde!
Das ist meine Antwort, wenn ich gefragt werde, wie sich die Pflegekräfte und auch ich fühlen. Seit 14 Jahren bin ich nun im Beruf, seit 5 Jahren aktiv unterwegs. Aber noch nie habe ich mich so müde gefühlt wie jetzt.
Das Jahr 2020 hat den Pflegekräften bislang alles abverlangt, was noch an Reserven da war.
Zu Beginn der Pandemie wurden erste Mängel in den Planungen, Vorbereitungen und im Umgang mit Corona sichtbar. Natürlich hatte man etwas Nachsicht, da auch die Pandemie uns ja plötzlich traf. Immerhin kam dadurch der Fokus auf den Pflegenotstand bundesweit in den Medien hoch. Und dann fing man an zu hoffen, zu kämpfen und zu glauben.
Im gleichen Atemzug hat man schnell einen Corona-Bonus versprochen, die Gesellschaft nahm und als systemrelevant und heldenhaft war, es gab jeden Abend Applaus vom Balkon. Der füllte zwar nicht den Magen und das Konto, aber schmeichelte einfach. Man wurde angesprochen, wie wichtig man ist, man fühle mit uns.
Dann hat man uns unsere Rechte eingeschränkt, wir sollen bis heute auch mit Infektion im Notfall arbeiten kommen, 12-Stunden-Schichten leisten es gab Pflegeeinrichtungen die vorgeschlagen haben doch gleich die Pflegekräfte mit den infizierten Bewohner im Heim einzuquartieren unser Arbeitsweg wurde vorgeschrieben und Sozialkontakte eingeschränkt, man wollte uns versuchen zwangszuverpflichten.
Die Personaluntergrenzen wurden abgeschafft, somit dürfen wir bis heute wieder ohne Regeln arbeiten. Die Stimmung in der Gesellschaft kippte, wir wurden beschimpft, ausgegrenzt und angegangen. Der versprochene Pflegebonus wurde zu einer Farce mit der die Pflegekräfte weiter gespalten werden sollen und bis heute gibt es genügend Pflegekräfte, die ihm noch nicht erhalten haben. Obwohl ihn jede Pflegekraft verdient gehabt hätte, ohne Unterschied wo sie arbeitet.
Dann kam der Sommer und wir hatten die Hoffnung, dass es besser wird. Das die Gesellschaft und Politik aus den Fehlern gelernt hat. Wir arbeiteten weiter und taten unser bestes für die Bewohner und Patienten, auf Kosten unserer Gesundheit, Sozialkontakte und Zeit. Wir bauten unzählige Überstunden auf um für Kollegen einzuspringen. Die Gesellschaft baute sich mit „Querdenkern“ eine Parallel-Gesellschaft, die meinten in einer Diktatur zu leben. Der Zusammenhalt in der Gesellschaft ging immer mehr zurück, das Ego nahm zu. Massendemos, Maskenverweigerung, Fake News – ganz wie in Amerika. Die Frustration bei uns in der Pflege nahm weiter zu. Rücksicht auf unser Gesundheitssystem und die Menschen die darin arbeiten wurde zur Mangelware. Alles ist ja nicht so schlimm, eine Erfindung von Eliten.
Jetzt kam die zweite Welle und wir sind genauso weit wie am Anfang. Nur trifft es jetzt genau die Gruppen, welche die Pflegekräfte seit Anfang an gemahnt hatten, auch in einem Ausmaß, was wir bereits angesprochen hatten und so vorhersehbar war.
Die Altenpflege wird im Stich gelassen, ebenso wie die Krankenpflege. Die Pflegeheime vermelden bundesweit hohe Infektionszahlen, die Intensivstationen melden teilweise einen Aufnahmestopp. Die Angst bei den Risikogruppen und der Pflege ist hoch, teilweise führt man die Triage ein, in einem Pflegeheim liegt ein toter Bewohner mehrere Tage und ein anderer verstirbt ohne palliative Unterstützung. Weil es keine Pflegekräfte mehr gibt, alle infiziert, in Quarantäne, der Markt leer gefegt.
Auf den Straßen fanden sich mehrere 10.000 Menschen ein, die auf die Einhaltung der Schutzmaßnahmen keinen Wert legten, der Lockdown wurde trotz eindeutiger Mahnungen aus dem Gesundheitswesen unnötig hinausgezögert. Immerhin musste man in den zwei Tagen ja noch Weihnachtsgeschenke besorgen und Glühweinwanderungen in der Innenstadt betreiben.
Jetzt nehmen die Infektionszahlen zu, die Todesraten unter den Risikogruppen steigt täglich, viele Menschen haben geliebte Angehörige verloren. Ein trauriges Weihnachten.
Dazu über 100 Todesfälle in den Reihen der Pflegekräfte. Darüber spricht niemand, diese Zahl taucht nirgends auf, es gibt sie nicht für die Gesellschaft und Politik. Pflegekräfte haben keine Lobby, kein Gesicht und kein Ansehen in der Gesellschaft. Wir müssen funktionieren auf Gedeih und Verderb, egal wie.
Dieses Jahr wurde die Pflege so schäbig wie noch nie behandelt, wir wurden und werden von vorne bis hinten verarscht, beleidigt, ausgenutzt und geopfert wie Bauern im Schach. Wir arbeiten im Hamsterrad für eine Ego-Gesellschaft, die noch nicht einmal simple Dinge umsetzen will um sich und ANDERE zu schützen.
Aber selbst da schafft es nicht die Pflege aktiv zu werden. Statt dessen immer die gleichen Stimmen und Bittsteller der Pflege in den Medien. Ein bisschen Kritik ja, aber mach mich nicht nass. Nur nichts äußern, was Einschnitte hätte oder zu kritisch sein.
Ja, auch ich bin müde!
Die Politik, die Gesellschaft, aber auch vor allem die unglaubliche Opferrolle der Pflege, all das macht mich unglaublich müde!
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