14/03/2021
DIE 20er JAHRE – DÜSSELDORFER PORTRAITS _
von HARTMUT BÜHLER
Wir leben in einer Zeit der Verunsicherung. Und der müssen wir uns stellen. So wie ANTONIA GEISEL, ANASTASIA KHOROSHYLOVA, ISABEL MIERNIK und SAFIYYA SÜNGÜ. Die Gymnasiastinnen (11. und 12. Klasse) zeigten im Herbst 2020 ihre Gruppen-Fotoausstellung KÖRPER DER GESELLSCHAFT in der Freizeit- und Kultureinrichtung 'Niemandsland' in Düsseldorf und erregten hohe Aufmerksamkeit.
„'Körper der Gesellschaft' ist ein Projekt von vier Düsseldorfer Schülerinnen, die so ihre eigenen, gesellschaftskritischen Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen wollen. In den Bildern werden gesellschaftliche Grauzonen sowohl plakativ als auch auf subtile Art und Weise behandelt. Mal ist der Besucher nur Beobachter des Moments, mal wird er direkt adressiert und miteinbezogen. Die gefühlsstarken Bilder sollen zur Reflexion über soziale Konventionen anregen.“ (Zitat Düsseldorf Magazin The Dorf).
Safiyya Süngü: Eine Mischung aus Heilung, Spaß und Wut brachte mich dazu, an dem Projekt zu arbeiten. Wir vier fanden zusammen und tasteten uns langsam, aber zielstrebig voran. Vieles hatte uns bewegt, wie Ungleichheit, die wir in der Gesellschaft beobachten konnten, sowie auch an uns selbst spüren konnten, oder Normen, die wir laut anderen einzuhalten haben, denen wir aber nicht entsprechen wollen. Unsere selbstständige Rebellion gegen diese Normen, wie wer auszusehen hat, wie wer zu fühlen hat und vieles andere, haben wir versucht in Bildern zum Ausdruck zu bringen.
Viele Menschen und vor allem Jugendliche haben mit Problemen zu kämpfen, die durch die Gesellschaft hervorgehen, wie Ess- und Angststörungen sowie Depressionen. Diese und noch viele weitere Themen sind Tabus und werden selten bis gar nicht im Alltag oder in der Schule angesprochen oder gar geduldet. Dem wollten wir mit unserer Ausstellung entgegen wirken.
Das Projekt liegt uns allen sehr am Herzen, denn wir haben dadurch selbst Vieles verarbeiten können und können anderen Menschen hoffentlich das Gefühl geben, verstanden zu werden und sich somit nicht ganz so allein zu fühlen.
Antonia Geisel: Ich habe nie gelernt, mich schön zu fühlen, wollte aber immer schön sein. Ich denke, dass es vielen jungen Menschen so geht. Aber wie sollen wir uns schön fühlen, wenn wir in einer Welt aufwachsen, in der ein unrealistisches Schönheitsideal das andere jagt? Ich hatte kein gutes Verhältnis zu meinem Körper. Schon sehr lange. Ich habe mir dadurch sehr oft psychisch und physisch geschadet. Und das tue ich leider noch immer. Allerdings will ich mich mittlerweile schön fühlen. Unabhängig von meinem Aussehen. Das ist ein langer und harter Weg bis dahin, aber er lohnt sich. Die Arbeit an unserem Projekt hat mir sehr dabei geholfen, das zu verstehen. Wir wollten mit unseren Bildern auf eine ästhetische Weise den hässlichen Eigenarten unserer Gesellschaft die Schönheit nehmen. Dafür haben wir mit sehr vielen sehr unterschiedlich aussehenden Menschen zusammen gearbeitet. Uns war sehr wichtig, dass alle, die mitmachen, sich wohl fühlen. Alle die mitgemacht haben, alle die sich wohl gefühlt haben, waren wunderschön. Das ist etwas, was ich mir sehr für mich und jeden anderen Menschen wünsche. Für mich ist das Projekt 'Körper der Gesellschaft' ein erster Schritt in die Richtung der Erfüllung dieses Wunsches. Wenn auch nur ein Mensch zum Nachdenken über das Verhältnis zum eigenen Körper angeregt werden konnte, bin ich froh so viele Sonntage um 6:00 Uhr aufgestanden zu sein, um mit meinen Freund*Innen diese Fotos zu machen.
Anastasia Khoroshylova: Im letzten Sommer beschlossen Antonia und ich nach regem Austausch über uns beschäftigende Themen, gemeinsam mit Safiyya und Isabel ein Projekt anzugehen, das unsere persönlichen Erfahrungen im Umgang mit gesellschaftlichen Erwartungen, Rollenbildern und Schönheitsidealen aufzeigen soll.
Insbesondere rückte in den Vordergrund, dass die Konfrontation mit solchen Themen zumeist unbewusst passierte und erst die Auseinandersetzung und der Austausch in einer Gruppe ermöglichte, eine genauere Differenzierung vorzunehmen.
Gesellschaftliche Strukturen sind zwar stets im Wandel, können allerdings erst reformiert werden, nachdem sie als solche erkannt und hinterfragt wurden. Uns liegt dieses Projekt sehr am Herzen, da wir, losgelöst von den uns vorgelebten Verhaltens- und Denkmustern, einen Raum der Akzeptanz und Inspiration schaffen wollten, sich individuell und frei zu entfalten.
Insbesondere unsere Generation ist einem enormen Druck ausgesetzt, Leistungen zu erbringen, sich schon früh mit der Zukunft auseinander zu setzen und sich gleichzeitig Zeit zur Selbstverwirklichung zu nehmen. Es gibt nie den perfekten Zeitpunkt gesellschaftliche Themen anzusprechen und in Diskurs zu kommen, sowie es nie den perfekten Zeitpunkt gegeben hätte sich einem Projekt zu widmen.
All dies war durch das große Engagement unseres jungen Projektteams möglich, dem wir vielmals für die schönen gemeinsamen Sonntage und einen offenen, lebhaften Austausch unserer Erfahrungen danken wollen.
Dadurch, dass wir gemeinsam darauf hinweisen und zum Nachdenken anregen, übernehmen wir die Verantwortung für Denken und Handeln unserer Gesellschaft mit Ausblick auf ein verbessertes, offeneres und diverses Weltbild.
Isabel Miernik: Ich hörte das erste Mal von der Idee des Projekt von Anastasia. Wir hatten uns über soziale Medien im Sommer 2020 kennengelernt. Wir teilten ähnliche Erfahrungen und ein Interesse an Fotografie, wodurch die Idee aufkam, ob ich an einem Fotoprojekt, an dem sie arbeitete, mitmachen wolle. Mich sprach die Idee sofort an und ich sagte zu. So wurde ich Teil des Projekts. In den folgenden Wochen telefonierten und besprachen wir unsere Ideen. Safiyya und Antonia lernte ich dabei kennen. Ich merkte sofort, dass wir vier als Team passten. Alle etwas verschieden, hatten wir Ähnliches erlebt, Ku**er und Probleme waren uns allen nicht fremd. Auch eines der Hauptaspekte unseres Projektes, psychische Störungen, konnten wir durch unsere Erfahrungen besprechen und einbringen. Für mich war das eine unglaubliche Stärkung. Mit anderen über seine Gedanken zu sprechen und diese in der gemeinsamen Kunst einzubauen und schließlich zu präsentieren, schaffte eine Stabilität und Verbindung zwischen uns. Dunkle Gedanken waren erlaubt, sogar gewollt, um dem Projekt die Tiefe zu geben, die wir schaffen wollten.
Die Arbeit an dem Projekt stellte sich für mich als eine unglaubliche Verbindung zwischen Verarbeitung von Erfahrungen und Kreativität dar. Ich habe sehr schmerzende Erfahrungen in der Liebe zur Kunst gemacht. Für meine Leidenschaft für klassische Musik und das Spielen im Orchester überarbeitete ich mich viel, folgte Ansprüchen und Träumen, denen ich letztendlich aus fehlender Kraft nicht nachkommen konnte.
Ein Burnout in dem was man liebt, mit dem man sich identifiziert, lässt ein tiefen Ku**er zurück. Ich zweifelte an meinen Fähigkeiten und hielt mich künstlerisch für inkompetent. Mich zurück zu dem Schaffen, dem Kreieren zu geben, kostete Kraft und eine andere Perspektive auf Kunst. Diese gab mir die Erfahrung des Projektes. Unsere Ideen galten nicht dazu, verglichen zu werden. Sie entsprachen einem Einblick in die Gefühlswelt des Einzelnen. Unsere Attitüde bestand darin, diese Sensibilität zu schätzen und durch die Fotos zu vermitteln.
Eine weitere Ausstellung ist geplant. Die Fotos →
https://www.instagram.com/koerperdergesellschaft/