14/05/2026
*** Das Spiegelbild ***
Es war einmal ein Mann, der in seinem Dorf für seine freundlichen Worte bekannt war. Er schüttelte Hände mit festem Griff, sprach von Ehrlichkeit und versprach jedem seine Treue. Die Menschen vertrauten ihm, denn sein Lächeln wirkte warm wie die Abendsonne über den Feldern.
Doch hinter verschlossenen Türen begann er, Wahrheit gegen Vorteil zu tauschen. Erst waren es nur kleine Verdrehungen, harmlose Lügen, wie er sich selbst einredete. Dann stellte er Freunde gegeneinander, verriet Geheimnisse und schob die Schuld auf andere, damit sein eigenes Ansehen wuchs.
Und tatsächlich: Eine Zeit lang schien er damit Erfolg zu haben. Die Leute hörten auf ihn, glaubten ihm, lobten ihn sogar. Doch je mehr Vertrauen er zerbrach, desto stiller wurde es in seinem Inneren.
Eines Morgens, so erzählt man sich, stand er wie jeden Tag vor seinem Spiegel. Aber diesmal wich er seinem eigenen Blick aus. Am nächsten Morgen ebenso. Und am nächsten wieder. Denn das Gesicht im Spiegel erinnerte ihn nicht mehr an den Mann, der er einst hatte sein wollen.
Die Alten im Dorf sagten später zu ihren Kindern:
„Ein Mensch kann vieles verlieren und vieles wiederfinden.
Geld, Freunde, Ansehen.
Doch wer sein Gewissen verliert, findet keinen Frieden mehr — nicht einmal im eigenen Spiegelbild.“
Und seit jener Zeit gilt dort ein alter Satz:
„Vertrauen zerbricht leise.
Aber das Echo davon begleitet einen ein Leben lang.“