27/02/2020
Von eins auf zwei.
Man hört es so oft: Die Schwangerschaft, wenn man bereits ein Kind hat, läuft irgendwie nebenher. Ganz so war es bei mir nicht, muss ich sagen. Ich fühlte mich eher sehr viel sicherer und unbeschwerter als in der Schwangerschaft zuvor, auch wenn es mich gerade gegen Ende schon an meinen körperlichen Grenzen gebracht hatte, unserem 3-Jährigen gerecht zu werden (was dieses "gerecht werden" auch immer bedeuten mag, ich denke, darüber werde ich ab sofort noch häufiger sinnieren 😉). Ich genoss die Zeit mit dem Großen trotzdem, wo es nur ging und hatte zwischenzeitlich sogar das Gefühl, mich noch gar nicht so richtig auf das Baby einlassen zu können. Vermutlich ganz klassische Gedanken a la "Wie soll ich ein Kind noch mal so lieben können, wie mein erstes?" begleiteten mich. Tja, mit der Geburt änderte sich das natürlich schlagartig. Ich war hin und weg und auf Wolke 7 mit diesem kleinen Knuffbert in meinen Armen. Während der drei Tage in der Klinik lebte ich gefühlt in einer Art Paralleluniversum. Es gab mich und das Baby und daneben die Welt da draußen. Und manchmal fiel mir ein: "Ach, ich habe ja noch ein Kind!" 😁 Als Lino uns am Tag nach der Geburt in der Klinik besuchte, war das unglaublich schön, aber ich merkte auch, wie sich ein melancholisches Gefühl aufbaute, dem ich in der Klinik noch nicht nachgeben konnte. Am vierten Tag daheim angekommen, machte es PENG und die Hormone übernahmen die Kontrolle, alle Dämme brachen und ich wurde von einer Welle der Emotionen mitgerissen. Babyblues. Ich habe ihn kommen sehen, konnte ihn rational einordnen und trotzdem hat er mich vollends erwischt. Ich war in dieser Zeit das reinste Nervenbündel und habe fast unentwegt geheult. Ich musste Abschied nehmen. Ich musste mich von unserem Leben zu dritt lösen. Platz in meinem Herzen schaffen, für Nummer vier. Und es tat so schrecklich weh! Eine gute Freundin sagte mir, das Herz wird nun größer, die Liebe zum Kind verdoppelt sich... und was da so weh tut, seien die Wachstumsschmerzen. ❤ Unsere Hebamme vergleicht die Situation auch gerne mit einem Mobile, das erstmal aus dem Gleichgewicht gerät, wenn ein neues Familienmitglied dazu kommt. Es bringt das ganze Gefüge zunächst Trudeln, mit der Zeit balanciert es sich jedoch aus. Ein schönes Bild, wie ich finde! Dennoch hat es mich innerlich zerrissen, dass diese exklusive Zeit mit meinem Großen vorüber war. Nachts wandelte ich durch unsere dunkle Wohnung wie ein schluchzendes Schlossgespenst und fragte die Nacht: "Was haben wir nur getan!? Was haben wir uns dabei nur gedacht?" Ich war davon überzeugt, dass ich unserem Lino die Kindheit versaut hatte, uns das Leben mit Baby eh überfordern würde und dass es ganz allgemein einfach eine schlechte Idee war, noch ein Kind zu bekommen. Das Leben vorher war doch so perfekt! Wir waren zu dritt so ein super Team. Wie konnten wir das nur durcheinander rütteln!? Puh. Auf diese Gedanken war ich nicht vorbereitet. Es fühlte sich an wie Sterben. In tausend Teile zerrissen und dann wieder neu zusammengesetzt werden. Das klingt sehr dramatisch, aber genau so habe ich es empfunden. Zum Glück fingen mich mein Mann und meine allerliebsten Freunde auf. Ich durfte ihnen stundenlang die Ohren zusabbeln und bekam viel Kuchen geschenkt und die Seele gestreichelt. ❤️ Und nach 3 Tagen war der Spuk vorbei, ich war eine neue Mutter geworden. Klar bin ich noch emotional an Tag 10 aber der Blues ist überwunden und es wird mit jedem Tag schöner. Und wie ihr auf dem Foto sehen könnt: Alle hormonell bedingten Ängste waren unbegründet. Es war genau die richtige Entscheidung, einer mehr zu werden. Für uns alle. Und Lino ist als großer Bruder nebenbei bemerkt einfach fantastisch. So liebevoll, hilfsbereit und neugierig... und er ist schon dabei, seinem kleinen Bruder Grimassen beizubringen. Wir sind so glücklich über die zwei. ❤️ wieso ich das alles schreibe? Vielleicht erkennt sich ja jemand wieder in einer ähnlichen Situation und fühlt sich dann nicht allein mit den Gefühlen und Gedanken.