29/05/2026
HISTORISCHES 📖 🖋
Wie ein Zufallsfund den Weg in unsere Geschichte öffnen kann
Vielleicht ist es ein alter Schuhkarton auf einem Dachboden (em i:ewischden Speicher), vielleicht ein vergessenes Kuvert in der Schublade eines alten Schrankes, der in einem nicht mehr bewohnten Zimmer steht, vielleicht ein Stapel alter Fotoalben mit Schwarzweißfotos von Ereignissen oder Gegenständen, die für vielleicht längst verstorbene Menschen einmal von Bedeutung waren. Oder es handelt sich - wie in diesem Fall - um den Zufallsfund einer Plastiktüte mit Fotos, die nie den Weg in ein Album gefunden haben.
So tauchte auch dieses etwa 100 Jahre alte, sogar noch gerahmte Klassenfoto auf. Doch sofort war klar, dass dies kein belangloser Fund war, denn zumindest eine Person war der Finderin bekannt. Es war nämlich ihr Großvater Matthias Dauster, der Lehrer der abgebildeten Klasse und Leiter der Oppener Schule, geboren am 10. Januar 1885.
Das gleiche Foto findet man übrigens auch in der Dorfchronik, die anlässlich der 500-Jahr-Feier mit viel Fleiß verfasst wurde. Auf dem Foto gab es jedoch keinerlei Hinweis auf das Jahr der Aufnahme und die abgebildeten Schülerinnen und Schüler, nur der Hinweis, dass es sich um eine Aufnahme aus den 1920er Jahren handelt. Die Neugier war geweckt und so wurden Anhaltspunkte gesammelt, aus welchem Jahr die Aufnahme stammen konnte. Bei näherem Hinschauen zeigte sich, dass sich unter den abgebildeten Schülerinnen und Schülern auch die beiden ältesten Kinder des Lehrers, nämlich seine Tochter Thea und sein Sohn Erich befanden. Damit war klar, dass das Foto in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre entstanden sein musste. Es war also unzweifelhaft rund 100 Jahre alt.
Wo konnte man aber noch mehr erfahren. Eine der wenigen Möglichkeiten war, in der Schulchronik der Oppener Schule nachzuschauen, sofern sie noch vorhanden und zugänglich war. Sie war nach der Schließung der Oppener Schule nach Reimsbach gelangt und fand sich dort im Archiv. Die Schulleiterin, Frau Lenhof gewährte uns gern Einblick. Zwar fanden sich dort keine konkreten Hinweise auf die gesuchte Klasse, aber es ergaben sich viele interessante Einblicke in die Geschichte unseres Heimatortes insbesondere in die Lebensverhältnisse in der fraglichen Zeit, also zwischen den beiden Weltkriegen. Diese versuchen wir anhand der Texte in der Schulchronik in Erinnerung zu rufen.
Dazu muss man wissen, dass es für die jeweiligen Schulleiter Pflicht war eine Schulchronik zu führen. Die damaligen Schulchroniken zeichneten aber nicht nur das Schulleben auf, sondern stellten meist auch gleichzeitig eine Art ausführlicher Dorfchronik dar, wo man auch etwas über sonstige Ereignisse und Tatsachen erfahren konnte, soweit sie das Dorf betrafen, z.B. auch über das Wetter, das in einer der nachfolgenden Geschichten noch eine Rolle spielen wird.
Leider enthält die in Reimsbach aufbewahrte Chronik nur ein einziges Foto, nämlich das gleiche Klassenfoto, das uns Dieter Honosch zusammen mit einem dazu gehörenden Bericht bereits vor einiger Zeit zur Verfügung gestellt hatte und das wir im Dorfgespräch bereits veröffentlicht haben.
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, was aus den zahlreichen Fotos und Dokumenten geworden ist, die in der Ortschronik abgedruckt wurden. Damals wurde versäumt, all diese wichtigen Dokumente in einem öffentlich zugänglichen Archiv zu sammeln und sie so für die Nachwelt zu erhalten. Ob sie zurückgegeben wurden oder in einem oder mehreren Privatarchiven verschwunden sind, ist unklar. Einige dieser Fotos haben wir zur Verfügung gestellt bekommen, von anderen fehlt jede Spur. 😞
Auch die uns jetzt vorliegende Schulchronik ist nicht (mehr?) vollständig. Es wurden etliche Seiten herausgeschnitten, nicht nur die von 1933 und später, die auf Anweisung der übergeordneten Verwaltung gegen Kriegsende entfernt werden mussten, wohl um die Parteitätigkeit von Amtsträgern nachträglich zu verschleiern. So fehlt z.B. auch die humorige Anmerkung des späteren Schulleiters Alfons Scherer, wie ihm die benachbarte Feuerwehr den Sonntagmorgen regelmäßig durch ihre Übungstätigkeit verdarb. In diesem Zusammenhang bleibt zu hoffen, dass einige der vermissten Dokumente wiedergefunden werden und so allgemein zugänglich gemacht werden können.
👉 Wie würden uns sehr über solche Funde freuen.
Vielleicht werden es ja auch so viele, dass sich jetzt mit
zeitlichem Abstand noch ein Archiv anlegen lässt.