15/08/2026
Bald ist es wieder soweit - Wenn der Hirsch ruft.
Gegen Ende September, wenn die ersten kalten Nächte über die Bergwälder ziehen, wenn der Morgennebel zwischen den Bäumen hängt und das Licht der Sonne sanfter durch die Baumkronen fällt, beginnt im Wald eine Zeit, die älter ist als jede Erinnerung.
Noch scheint alles still - und doch liegt etwas in der Luft.
Eine Spannung, die man nicht sehen, aber tief in sich spüren kann.
Es ist die Zeit der Hirschbrunft.
Zunächst sind es nur leise Zeichen. Ein fernes Röhren, kaum mehr als ein Echo zwischen den Bergen. Doch wer innehält und lauscht, merkt bald: Der Wald hat seine Stimme verändert.
Mit jedem Tag werden die Rufe kräftiger, tiefer und eindringlicher. Sie kommen aus der Dunkelheit des Waldes und tragen weit über Lichtungen und Berghänge – wie eine Botschaft, die niemand beantworten muss, weil jeder Hirsch sie versteht.
Dann tritt der Platzhirsch aus dem Dickicht.
Sein Atem steigt in der kühlen Morgenluft auf, sein Geweih zeichnet sich gegen den Himmel ab. Er steht da, wachsam und kraftvoll, als hätte die Wildnis selbst Gestalt angenommen.
Er kratzt mit den Läufen am Boden, neigt den Kopf zurück und lässt seinen Ruf erschallen.
Ein Ruf voller Kraft, Stolz und unbändiger Leidenschaft.
Ein Ruf, der nicht fragt, sondern verkündet: Ich bin hier.
Er lebt diesen einen Moment – mit jeder Faser seines Körpers, mit jedem Atemzug, mit jedem gewaltigen Ruf.
Dass nennt sich, die Faszination der Hirschbrunft.
Wenn die Dämmerung hereinbricht und aus dem Wald wieder dieses tiefe, archaische Röhren erklingt, scheint für einen Augenblick die Zeit stillzustehen. Der Nebel zieht über die Lanschaft, die letzten Vögel verstummen und irgendwo im Dunkel antwortet ein anderer Hirsch.
Zwei Stimmen. Zwei Kämpfer. Ein uraltes Gesetz.
Und während das Röhren durch die Nacht zieht, spürt man etwas, das sich kaum in Worte fassen lässt: Gänsehaut, Ehrfurcht und eine tiefe Verbundenheit mit der Natur.
Die Hirschbrunft ist nicht einfach nur ein Schauspiel der Natur.
Sie ist das weiterbestehen der Natur.
Und wenn man dann ganz allein im Wald ist, irgendwo zwischen den dunklen Stämmen, und der Hirsch sein Röhren in die Nacht hinausschickt, versteht man:
Man muss nicht immer etwas sehen, um etwas zu fühlen.
Manchmal reicht ein Ruf aus der Dunkelheit, um tief in die Seele zu dringen.
Und manchmal ist es genau dieser eine Ruf, den man noch lange hört, wenn im Wald längst wieder Stille eingekehrt ist.