23/03/2026
Ein kurzer Reminder, dass es selten so romantisch ist wie man denkt, sich an einer Veränderung beteiligen zu wollen. Und Internet ein schwieriger Ort geworden ist.
Was schön begonnen hat, mit dem Versprechen uns vernetzen, austauschen und gemeinsam mehr zu schaffen zu können, ist zu etwas geworden, vor dem wir unsere Kinder schützen müssen. Und gerade zeigt sich wieder sehr gut woran das möglicher Weise liegt.
Über mehrere Monate und Jahre hinweg steigt die Zahl der Fälle die ans Tageslicht kommen, in denen Männer die absurdesten Formen von Gewalt an Frauen ausüben.
Lange Zeit gibt es dazu von den meisten Männern nur betretenes Schweigen. Nicht, weil wir das nicht abscheulich finden würden, sondern weil wir uns vermutlich für unsere eigenen Geschlechtsgenossen schämen.
Weil wir uns "nicht einmischen" möchten und meinen, dazu nichts sagen zu "dürfen", es uns ja garnicht zusteht. Oft auch weil wir garnicht wissen, was wir sagen sollen, ausser "unfassbar". Und wohl auch, weil wir nicht direkt betroffen sind und diese Nachrichten somit schneller wieder nach hinten reihen in unserem Aufmerksamkeitsregal. Während es bei Frauen mehr und mehr dazu führt, sich nicht mal mehr im öffentlichen wirklich sicher zu fühlen.
Dann kommt ein Fall, der das berühmte Fass zum überlaufen bringt. Nicht weil er so viel schlimmer als die anderen ist, nicht weil es Promis trifft, wohl eher, weil es diesmal jemand ist, von dem die meisten immer dachten, er gehöre zu "den Guten". Einer die man meinte, wenn man sagt "nicht alle Männer".
Endlich passiert etwas, das sich viele Frauen schon länger von Männern wünschen - sie fangen an zu verstehen, halten nicht mehr den Mund, fangen an klar Stellung zu beziehen. Sie äußern sich und stellen klar, dass sie endlich verstehen, warum das nicht nur ein Problem der Frauen ist, sondern eines, das uns alle angeht. Dass es ganz besonders die angeht, die "nicht so sind".
Aber statt mehr davon zu sehen, dass Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht an einem Strang ziehen, geht damit direkt die Abwärtsspirale los.
Wer sich äußert dem wird immer öfter unterstellt er "suche nur nach Aufmerksamkeit", oder wolle diese "Welle mitreiten", sich "wichtig machen". Als Mann ganz besonders, aber selbst Frauen werden aktuell so angegriffen.
Im besten Fall weil sie nur nicht verstanden haben, worum es wirklich geht. Dass hier nicht Männer sagen, dass sie "gegen Gewalt sind" - was offensichtlich wäre - sondern verstehen, dass die Lösung eines strukturellen Problems Aktivität von allen braucht und drüber reden wie schlimm das ist nicht ausreicht.
Whataboutism erlebt eine neue Blüte, jeder fünfte Kommentar fragt "Was ist mit XY, warum sagst du dazu nichts?! Ha?!".
Kenne ich auch grad gut. Nach nur einem einzigen Video. Das geht dann soweit, dass mir von einer Frau in Direktnachrichten vorgeworfen wird ich würde der männlichen Gewalt eine Platform bieten, indem ich auch nur laut darüber nachdenke, ein Projekt zu diesem Thema zu machen. Und wenn ich ihr dann versuche zu sagen, dass ich diese Sorge teile, die Idee deshalb noch nicht fertig ist und ich gut überlege was ich hier tue und mir das bewußt ist, aber widerspreche und um einen freundlicheren Umgangston bitte,... dann wird von mir das Bild des misogynen Machos gezeichnet, der Frauen als dumm und naiv darstellt.
Andere erzählen dir was für ein Narzisst du bist, weil du dich öffentlich äußerst, erklärt dir, dass Schweigen besser und "anständiger" wäre, ohne zu sehen, dass es genau dieses Schweigen ist, das nie funktioniert hat und enden sollte.
Viele sehen die guten Absichten, vereinzelt wird es Menschen geben, die dich dafür anpöbeln.
Mir ist sowas ist nicht neu. Ich hab mir schon bei den Movember Portraits nach meiner eigenen Krebsgeschichte sagen lassen, dass ich das Leid von Frauen ignoriere, ich hab bei den Väter - Portraits & Interviews zu hören bekommen es würde ja "Männern ohnehin schon genug Aufmerksamkeit geschenkt" und ich wäre Teil des Bösen wenn ich ihnen noch mehr Platform biete usw...
Manche werden sich nie mit deiner Absicht auseinandersetzen, nie konstruktiv beisteuern sondern im Reflex zubeissen.
Manche merken nicht, dass sie genau das, was sie so verachten selbst machen.
Das ist immer eine kleine Minderheit. Aber sie ist meistens lauter, aggressiver und deshalb auffälliger. Umso wichtiger ist es, dass die schweigende Masse dem etwas entgegensetzt.
Der langen Rede kurzer Sinn: Wenn ihr euch (egal bei welchem Thema) entschieden habt Teil der Lösung sein zu wollen und nicht mehr - sei es nur durch euer Schweigen - Teil des Problems und ihr jetzt auf Widerstand trefft oder vereinzelt dafür attackiert werdet, dann nehmt das nicht zum Anlass wieder leise zu sein.
Im Gegenteil. Ihr müßt mit Widerstand rechnen, wenn ihr auch nur im geringsten etwas bewegen wollt. Nehmt sachliche Kritik ernst, denkt darüber nach, aber nehmt reflexartigen und boshaften Widerstand einfach hin. Wenn überhaupt, fragt euch einfach kurz - wie muss es wohl für diejenigen gewesen sein, die ihre eigene Geschichte öffentlich gemacht haben um etwas zu bewegen, auf die dadurch alle Schweinwerfer gelenkt wurden in denen ihnen teilweise fürchterliche, derbe Dinge unterstellt und gesagt wurden. Tausendfach.
Ein bisschen Widerstand ist auszuhalten und oft nur ein gutes Zeichen, dass ihr gerade im Begriff seid etwas zu bewegen. Egal wie wenig.
(Beispiele für das was ich hier meine finden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit bald in den Kommentaren ⬇️k