13/07/2026
„Er war doch so süß als Welpe...“ 💔
Warum mein Herz als Hundetrainerin gerade schwer ist.
In letzter Zeit vergeht kaum eine Woche, in der mich nicht die verzweifelten Nachrichten von völlig überforderten Hundehaltern erreichen.
Viele Menschen kaufen sich einen Welpen leider sehr blauäugig. Am Anfang läuft alles noch über die Schiene „Der ist ja noch klein, das schaffen wir schon alleine“.
Doch die Realität holt einen schnell ein. Erst wenn die Nerven komplett blank liegen, das unerwünschte Verhalten voll ausgeprägt ist und der Hund vielleicht schon nach den eigenen Haltern geschnappt hat oder Hundebegegnungen zum puren Spießrutenlauf werden – erst dann wird die Hundeschule kontaktiert. Oft aus der puren Verzweiflung heraus, dass der Alltag mit Hund nicht mehr stressfrei verläuft.
Dabei zeigen diese Hunde oft nur genau das, wofür sie jahrhundertelang gezüchtet wurden oder was ihre Vergangenheit ihnen beigebracht hat. Was als „Problemverhalten“ wahrgenommen wird, ist oft reine Genetik oder nacktes Überlebensverhalten:
🐾 Border Collie & Australian Shepherd: Wenn sie nach den Fersen schnappen, die Familie auf dem Flur blockieren oder Kinder einschränken, ist das kein „böses“ Verhalten. Es ist völlig normales, genetisch tief verankertes Arbeitsverhalten. Sie regulieren und hüten ihre Menschen, weil der Mensch häufig zu wenig Struktur gibt und zu wenig Verantwortung übernimmt.
🐾 Rhodesian Ridgeback: Ein wunderschöner Hund, der oft nur wegen seiner Optik gekauft wird. Doch er ist ein extrem eigenständiger, spätreifer Jagdhund und Wächter mit enormer Kraft. Wer seine rassetypische Skepsis gegenüber Fremden und seinen Schutztrieb unterschätzt, verliert schnell die Kontrolle.
🐾 Rottweiler: Er zieht als knuffiger Teddybär ein. Doch er ist ein ernsthafter Wach- und Schutzhund. Ohne klare Führung, Struktur und frühzeitige Sozialisierung übernimmt er das Kommando und verteidigt seine Ressourcen – im Zweifel auch mit den Zähnen.
🐾 Der Hund aus dem Tierschutz: Er wird oft adoptiert, weil er laut Beschreibung „besonders lieb“ und umgänglich sein soll. Doch im Tierheim herrschte ein völlig anderes Reizklima. In unserer Welt angekommen – mit dichtem Straßenverkehr, engen Wohnungen und lauten Alltagsgeräuschen – bricht für diese Hunde eine Welt zusammen. Aus Überforderung schalten sie in den Überlebensmodus, und das vermeintliche „Schmusetier“ geht plötzlich nach vorne, schnappt vielleicht zu, verbellt das neue Herrchen oder verkriecht sich in der nächsten Ecke, weil die Umweltbedingungen überhaupt nicht zu seiner Herkunft passen. Außerdem ist er überhaupt nicht dankbar.
🐾 Der Hund aus zweiter Hand: Er wird oft mit einer bekannten Beißbiografie oder massiven Verhaltensauffälligkeiten aufgenommen, ohne sich im Vorfeld intensiv zu informieren, wie es dazu kam und wie man professionell daran arbeitet. Es herrscht der romantische, aber gefährliche Trugschluss: „Bei mir wird das schon nicht passieren, ich liebe ihn ja einfach genug.“ Spoiler: Liebe allein korrigiert keine Vorgeschichte❗️
Das Traurige für mich als Trainerin: Wenn die Menschen endlich zu mir kommen, haben sie oft kaum noch Kraft für ein konsequentes und kleinschrittiges Training.
Und was viele völlig unterschätzen: Ein tief sitzendes, unerwünschtes Verhalten wieder in den Griff zu bekommen, ist extrem aufwendig und zeitintensiv. Es reicht nicht, dem Hund ein paar Kommandos beizubringen.
Echtes Training bedeutet vor allem: Der Mensch muss sich selbst reflektieren❗️
Hunde spüren jede Unsicherheit, jeden Frust und jeden Stress. Wer etwas verändern will, muss an seiner eigenen inneren Ausstrahlung, seiner mentalen Stärke und seiner Bereitschaft arbeiten, sich selbst zu hinterfragen.
Da es aber keine schnelle Zauberpille gibt und diese Arbeit an sich selbst oft unbequem ist, geben viele viel zu schnell auf. Oder sie verfallen in einen ständigen Trainerwechsel, weil sie hoffen, irgendwo die eine „perfekte, schnelle Lösung“ per Knopfdruck ohne oder mit wenig Eigenleistung zu finden. Die ehrlichen Worte des Trainers wollen viele dann nicht hören.
Die traurige Konsequenz: Diese Hunde dienen am Ende als Wanderpokal oder landen im ohnehin überfüllten Tierheim.Ein Hund ist kein Accessoire, das sich unserem Lifestyle anpasst. Er bringt Genetik und oft auch einen schweren Rucksack voll Vergangenheit mit. Eigenschaften und Erfahrungen lassen sich nicht einfach „wegstreicheln“ oder über Nacht wegtrainieren.
Bitte, liebe (zukünftige) Hundehalter: Beschäftigt euch vorher intensiv mit den echten Bedürfnissen der Rasse oder der Vergangenheit des Hundes. Passt das in euren Alltag / in eure Familie / zu eurem Charakter?
Und wartet nicht, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist. Holt euch Hilfe, solange ihr noch die Energie habt, ernsthaft und konsequent an euch und eurem Hund zu arbeiten! Training erfordert Zeit, Geduld, Schweiß und vor allem die Offenheit, sich selbst zu verändern – aber euer Hund ist es wert.
Falls es für alle nicht mehr passt und man keinen neutralen Moment mehr hat, kann eine Abgabe zum Züchter auch eine verantwortungsvolle Entscheidung sein. Hierfür sollte niemand verurteilt werden.
Trauriger Zwischenstand für dieses Jahr alleine in meiner Hundeschule:
5 Hunde die offiziell abgegeben werden / die schnellstmöglich weg müssen, wegen Beissvorfall
www.hundeschule-rose.de