05/09/2025
Über das Altwerden in einer Welt der Beschleunigung
Es ist eine merkwürdige Erfahrung, alt zu werden in einer Zeit, die nicht mehr auf Erfahrung setzt, sondern auf Geschwindigkeit. Die Weisheit der Jahre – einst ein Kapital, mit dem ganze Gemeinschaften ihre Stabilität sicherten – wirkt heute wie eine überholte Währung. Der Markt nimmt sie nicht mehr an. Stattdessen zählt das Frische, das Schnelle, das Leistungsfähige.
Die Gesellschaft hat sich in eine Arena verwandelt, in der der Wert des Einzelnen an seiner Nützlichkeit gemessen wird, so wie man früher den Preis eines Ochsen nach seiner Zugkraft bestimmte. Doch was geschieht mit dem Ochsen, wenn seine Kräfte schwinden? Man könnte sagen: Er wird, höflich gesprochen, ausgemustert. Der Mensch, der alt wird, spürt etwas Ähnliches. Die Renten reichen kaum, um mit Würde zu leben, und Würde – jene letzte, unmessbare Ressource – wird zur kostbarsten und zugleich am schwersten zu erhaltenden Substanz.
Früher sah man in alten Menschen Spiegel der Vergangenheit, lebendige Archive von Geschichten, von Handwerkskunst, von Fehlern und Lehren. Heute gelten Archive als Staubkammern: man digitalisiert sie, um sie anschließend zu vergessen. Der alte Mensch ist somit nicht mehr Bibliothek, sondern ein Buch, das nicht mehr gelesen wird.
Die Zukunft? Man könnte zynisch sagen: ein unsichtbares Dasein am Rande der Betriebsamkeit, ein leises Atmen im Schatten der Bildschirme, die ständig neue und jüngere Gesichter zeigen. Aber vielleicht liegt gerade darin eine paradoxe Hoffnung: dass das Alter sich in eine Gegenkultur verwandelt, eine stille Resistenz gegen die Tyrannei der Geschwindigkeit. Wer alt wird, weiß um die Langsamkeit, um das Gewicht der Zeit. Vielleicht wird er, ohne es zu wollen, zum letzten Hüter dessen, was nicht in Zahlen, Effizienz oder Optimierung aufgeht.
Doch die Frage bleibt: Wird die Gesellschaft diese Hüter dulden – oder sie tatsächlich nur noch als Dorn im Auge betrachten? 🇩🇪