22/04/2020
Die Befahrung der Schachtanlage Asse bei Wolfenbüttel in Niedersachsen ist zwar schon ein paar Tage her, aber dennoch möchten wir euch die Impressionen und Informationen nicht vor enthalten.
Das Bergwerk Asse II dürfte vielen Menschen als grünes Schreckgespenst im Kopf herumspuken. Dies liegt daran, dass die Berichterstattung um das ehemalige Atomendlager und die bergmännischen Meisterleistung der Gegenwart, die dort vollbracht wird, meist einseitig negativ belastet ist.
Nichtsdestotrotz ist die Vergangenheit dieses Betriebsstandortes sehr umstritten, ist sie doch von der Gier nach einer möglichst einfachen Endlagerung von schwach- und mittelradioaktiven Stoffen geprägt.
Zur Geschichte des Bergwerks und dem Endlager Asse
Das Bergwerk Asse Schacht II wurde als eine von drei Schachtanlangen im Jahr 1909 fertiggestellt. Die Schächte Asse I & III waren jedoch hydrologisch gefährdet und soffen ab. Lediglich Asse II förderte um einen größeren Zeitraum bis zum Jahr 1964 Kalisalz.
Danach wurden die Abbaukammern des Bergwerks von 1967-78 zur Einlagerung von 47000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiven Soffen in 125.787 Abfallgebinden genutzt. Die Endlagerung geschah gegen die Überzeugung des zuständigen Bergamtes, da man davon ausging, dass auch Asse II unter der Gefahr eines Wassereinbruchs steht.
Nach der Beendigung der Einlagerungsarbeiten wurde in der Einrichtung an Möglichkeiten der Endlagerung geforscht. In dieser Zeit entstand auch der Schacht IV. Über diesen sollten weitere Abfälle kostengünstig in das Bergwerk verbracht werden. Die Absicht wurde aber verworfen. Bis dahin hatte die Schachtanlage Asse nur einen Schacht in Betrieb. Eine absolute Ausnahme in Deutschland.
Dies geschah alles unter dem strikten Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Einwohner der umliegenden Gemeinden forderten aber mit immer mehr Nachdruck Informationen für die Öffentlichkeit. Nach dem im Juni 2008 bekannt wurde, dass in den Jahren 2005 bis 2008 ohne Genehmigung mit kontaminiertes Salzlösungen auf die 975 m-Sohle gepumpt worden waren, wurde die Schachtanlage unter Atomrecht gestellt.
In Folge dessen wurde 2017die „Bundesgesellschaft für Endlagerung“ (BGE) gegründet. Mit der Gründung ging ein deutlicher Richtungswechsel beim Umgang mit der Bevölkerung einher. So können heute interessierte Bürger auf der Schachtanlage anfahren und sich über die Arbeiten informieren. Doch was an was Arbeitet die BGE dort? Durch geologische Besonderheiten, welche eine Salzlagerstätte mit sich bringt, verlieren die Abbaukammern mit der Zeit an Stabilität und es entstehen Risse im Gebirge. Durch diese Risse kann das Wasser in die Kammern eindringen und radioaktiv kontaminiert werden. Genau dieses ist in der Asse geschehen.
Noch während des Betriebs als Forschungsanstalt wurde das Eindringen von Wasser festgestellt, ein meldepflichtiges Ereignis im Salzbergbau. Doch die Meldung erreichte das Bergamt nie. Man vermutet dass seit 1988 Wasser in das Bergwerk eindringt. Derzeit sind es 12,5 Kubikmeter. Da für dieses Szenario weltweit keine Lösung parat stand und bis heute auch nicht steht, muss diese erst noch erarbeitet werden.
Eine Möglichkeit war es, das Bergwerk zu versuchen zu sichern und die Abfälle untertage zu belassen. Dies erschien aber als nicht möglich und daher wurde im Jahr 2010 beschlossen umfassende Rückholmaßnahmen einzuleiten. Die Bergleute arbeiten im Schichtbetrieb daran, dass das Bergwerk standsicher bleibt. Dies erfordert auch Ausbauarten, die eigentlich im Salz nicht üblich sind. Strecken werden in Salzbergwerken so anlegt, dass diese über den Zeitraum des Abbaus ohne weitere Maßnahmen standsicher sind.
Die Strecken dem Bergwerk Asse sind allerdings bis zum 110 Jahre alt, was weitere Anstrengungen erfordert. Des Weiteren werden nicht kontaminierte Abbaue verfüllt. Durch dieses Vorgehen soll das Gebirge zusätzlich gestützt werden. Eine weitere wichtige Aufgabe ist das Sammeln und Verarbeiten von mit Cäsium 137 kontaminiertem Wasser. Das belastete Grubenwasser wird in geringem Umfang bei der Betonherstellung beigemengt.
Der Beton verbleibt als Baustoff untertage. Ist das Wasser unbelastet und freigegeben, wird es nach übertage gepumpt. Auch die Wetter werden auf Radioaktivität gerpüft und gefiltert. Die Hauptaufgabe der Facharbeiter Vorort ist es aber, technische Möglichkeiten für die Rückholung zu erarbeiten und zu testen. So wurden bereits belastete Abbaukammern angebohrt, um zu sehen, in welchem Zustand sich die Behälter befinden.
Die Rückholung soll so erfolgen, dass die Hohlräume von „oben“ angebohrt, die Behälter geborgen, neu und sicher strahlensicher verpackt und über den geplanten Schacht V nach übertage gebracht werden. Der Standort von Schacht V soll östlich des bestehenden Bergwerks liegen. Diese Variante der Stilllegung, unter dem Aspekt der Rückholung der Abfälle, wurde 2010 als sicherste von drei Varianten ausgewählt.
Was passiert mit dem Atommüll, wenn er geborgen wurde? In direkter Nähe zum Schacht Asse V soll ein Zwischenlager geschaffen werden. Der genaue Standort soll noch 2020 bekannt gegeben werden. Im Zuge der Bekanntgabe wird mit Protesten seitens der Bevölkerung gerechnet.
Für die Einlagerung des Atommülls hat der Bund, von den Verursachern der kontaminierten Abfälle, umgerechnet ca. 8,6Mio.€. Die kosten der Endlagerung, inkl. Kauf der Anlage, beliefen sich auf bisher 1,086 Milliarden €.
Die Kosten für die groben Fehler der Vergangenheit hat der Steuerzahler bis heute getragen und wird dies auch noch in Zukunft tun. Die groben Fehlplanungen wurde nie einer der Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen. Man muss aber den Bergleuten großen Respekt zollen, die hier mit großem Einsatz eine Umweltkatastrophe versuchen abzuwenden.
Die Befahrung
Am 28.02.2020 konnten wir uns dann von den Anstrengungen, welche die Mitarbeiter auf dem Bergwerk Asse unternehmen, dann selbst überzeugen. Empfangen wurden in dem Informationszentrum des BGE auf der Schachtanlage. Nach einem Besuchervortrag, ging es in die Besucherkaue. Ausgestattet mit der typischen Arbeitskleidung, Dosimeter, Selbstretter und Geleucht ging es zum Schacht. Wobei ich persönlich die Selbstretter aus der Kohle deutlich handlicher als diese „Kübel zum Umhängen fand.
Die Seilfahrt zur 648m Sohle auf Schacht II war sehr zugig, da in sowohl einziehende, als auch die ausziehenden Wetter über einen Wetterscheider geführt werden. Auch dies ist einmalig im Deutschen Bergbau. Am Füllort angekommen, begrüßte uns eine alte Bekannte. Die Rede ist von der heiligen Barbara, die auch natürlich hier nicht fehlen darf. Nach kurzer Fahrung zu Fuß kamen wir zu unserem Fortbewegungsmittel, einem Mercedes Vito. Um diesen durch den Schacht transportieren zu können, wurde ihm das Dach vor der Seilfahrt abgetrennt und anschließend wieder angefügt. Über Wendel ging es auf die 658m-Sohle, wo sich die Hauptauffangstelle für kontaminierte Grubenwässer. Es ging weiter auf die 750m-Sohle, wo das Fahrzeug abgestellt wurde. Wieder zu Fuß ging es zur Anlage für die Sorel-Betonherstellung.
Dieser spezielle Beton ist so ausgelegt, dass er ähnliche Festigkeiten wie Salz aufweist, aber nicht mit dem Kali im Gebirge in Reaktion geht. Auf dem Weg zum Füllort bekamen wir Ausbauelemente zu sehen, die man, wie bereits erwähnt, eher aus der Kohle kennt. Diese sind aber zwingend erforderlich, da sich die Bereiche nicht mehr Beton und Anker stabilisieren lassen. Das untertätige Füllort am Schacht IV ist wiederum eine Besonderheit, ist der „Korb“ doch nur für 2 Personen zugelassen. Ein Bergmann aus der Kohle würde den Schacht auch eher als „Großbohrloch“ bezeichnen.
Der schachnahe Bereich am Schacht II auf dieser Sohle muss ebenfalls besonders gesichert werden. Wieder ein klares Indiz hierfür, dass die Sohle in naher Zukunft wohl aufgegeben werden muss. Während unserer gesamten Befahrung wurde durch deutliche sichtbare Risse in Stoß und First deutlich, dass hier auf dem Bergwerk dringend Handlungsbedarf besteht. Bevor es wieder nach übertage ging, mussten wir „frei messen“ lassen. Hierbei wurden Hände und Füße auf eine radioaktive Kontaminierung geprüft.
Da die „Strahlenschützer“, laut unserer Begleiterin mehrheitlich aus Süddeutschland kommen und auf dem Weg ins Wochenende waren, war die Freigabe doch eine kleine Erlösung. Andernfalls hätte man bis zur Ankunft jener Berufsgruppe zwingend untertage bleiben müssen. Während der Befahrung sind uns Temperaturen von bis zu 40 Grad Celsius begegnet. Wieder übertage angekommen, bekamen wir noch Schacht IV und die Fördermaschine zu sehen.
Nach dieser sehr informativen Veranstaltung, fuhr ein Teil unserer Gruppe noch weiter ins Erzgebirge und Tschechien und der andere Teil ließ den Tag in Salzgitter bei dem einen oder anderen Bier ausklingen.
Wer sich gerne mal ein Bild von der Arbeit der BGE dort machen möchte, ist die Asse sehr zu empfehlen. Eine Grubenfahrt dort ist kostenfrei und gehört zur Bürgerinformationspflicht der Einrichtung.
Glück Auf!
Robert Tu