21/06/2026
Liebe Kunstfresser,
ich möchte euch noch ein Beispiel für die Tücken vermeintlich „nicht-politischer“ Kunst zeigen. Kürzlich flog ich im Halbfinale eines Wettbewerbs mit diesen Fotos raus. Mir geht es hier nicht darum, die beleidigte Leberwurst zu spielen. Es geht mir um die Fallstricke, die heute auf Augenhöhe mit gegenständlicher Kunst und performativer Fotografie lauern.
Die gezeigten Bilder entstanden im Januar 2026 unter dem Arbeitstitel „Psychonautische Aktivitäten in Äthiopien“. Die Kritikpunkte der Jury: Kulturelle Aneignung, nackte Frauenoberkörper, ein kolonialer Blick – und zu guter Letzt das Urteil: „Fotografiert von einem alten, weißen Mann.“
Die Ironie dabei? Die Menschen vor Ort verstanden das Werk sofort. Ein äthiopischer Künstler erklärte mir, dass der Helm den traditionellen Masken gleicht. Die visuelle Brücke und die Metapher des Schutzes waren sofort da. Auch das Konzept der psychonautischen Reise ins Innere musste ich niemandem erklären.
Aber wer macht sich heute noch die Mühe, in die Tiefe zu gehen? Bewertet wird nur die Oberfläche: Brüste, Körper, Klischees. Diese neue Form der Moralisierung verunsichert mich. Früher waren die Spießer leicht zu erkennen, heute tarnen sie sich gerne mal unter großflächigen Tattoos.
Es ist unbestreitbar schwieriger geworden, frei zu arbeiten. Doch ich halte es mit den Worten, die mir Peter Lindbergh Anfang der 90er in der Schirn mitgab: „Immer weiter machen!“