07/10/2020
DIE 20er JAHRE – DÜSSELDORFER PORTRAITS _
VON HARTMUT BÜHLER
Morgen beginnt DIE JAPANISCHE KULTUR-WOCHE in Düsseldorf: wir leben in einer besonderen Zeit. Und der müssen wir uns stellen. So wie Rev. HIRONOBU SHOJU, Buddhologe und buddhistischer Priester. Als Fotograf werde ich Sie mit meinem direkten Blickkontakt konfrontieren – obwohl dies in der japanischen Kultur als unhöfliches Starren gewertet wird: wie ertragen Sie das?
In der Tat gilt es in Japan als bedrohlich oder auch anmaßend, mit einem Menschen zu reden oder ihm zuzuhören, während man ihm direkt in die Augen schaut, und darum bewertet man dies manchmal als unhöflich. Aber die meisten Japaner wissen inzwischen auch, dass es eine Grundlage der Kommunikation ist, dem Gesprächspartner in die Augen zu schauen, während man spricht oder zuhört; und sie praktizieren das auch so.
Wir Japaner haben lange Zeit kommuniziert, ohne dem anderen in die Augen zu schauen, so machten das unsere Vorfahren. Aber heutzutage leben wir in einer internationalen Gesellschaft und da ist direkter Blickkontakt unerlässlich. Wenn ich hier lebe, bemühe ich mich um beides.
Höflichkeit, Diskretion und sehr gutes Benehmen zeichnen die japanische Alltagskultur aus – wie bewerten Sie das Verhalten der DüsseldorferInnen in der Öffentlichkeit?
Es heißt, unter den 620.000 Menschen, die in Düsseldorf leben, seien 6000 Japaner, außerdem leben noch Menschen aus vielen anderen Ländern hier. Vielleicht, weil Düsseldorf eine so internationale Stadt ist, zeigen die Menschen dieser Stadt eine große Aufgeschlossenheit gegenüber fremden Kulturen. Auch im EKO-Haus, das ja ein Symbol für eine andere Kultur innerhalb von Deutschland ist, halten sich die Besucher von selbst sehr streng an die japanischen Sitten und Gebräuche; sie drücken damit ihren Respekt vor der japanischen Kultur aus. Auch mir selbst, der ich hier als Ausländer lebe, ist in der Stadt niemals besonderes negatives Verhalten aufgefallen.
Außerdem bin ich oft Zeuge davon geworden, dass sich die Leute fremden Menschen gegenüber sehr freundlich zeigten. Wenn z.B. eine Frau mit einem Kinderwagen in eine Trambahn einsteigen will, gibt es ganz gewiss irgendjemanden, der ihr dabei hilft. Auf diese Weise spontan und im rechten Augenblick zur Stelle zu sein, ist gar nicht so einfach. Ich selbst, so glaube ich, kann davon etwas lernen.
Gegenwärtig wird wegen des Coronavirus nicht nur der materielle Zusammenhalt, sondern auch der zwischenmenschliche Zusammenhalt schwächer. Ich denke, die respektvolle und freundliche Haltung der Menschen in dieser internationalen Stadt Düsseldorf ist sehr wichtig, um diesen zwischenmenschlichen Zusammenhalt zu bewahren.
Gehen Buddhisten mit der Corona-Krise anders um als Christen?
Man muss nicht immer alles anders machen. Auch wenn es z. B. religiöse Unterschiede gibt und sich die Herangehensweisen unterscheiden, könnten wir die Krise, so glaube ich, nicht in den Griff bekommen, wenn die Menschen auf der Welt nicht das gemeinsame Ziel verfolgen, das Coronavirus auszulöschen. Wenn jeder die Dinge nur aus seinem Blickwinkel betrachtet, dann wird es für die Menschen auf der Welt extrem schwierig, das gemeinsame Ziel zu verfolgen.
Natürlich gibt es nicht nur religiöse Unterschiede, sondern auch Unterschiede in der Denkart und im Charakter. Aber dies führt nur zu Streit und bringt uns der Lösung nicht näher, sich diese gegenseitigen Unterschiede vorzuwerfen und dem anderen gegenüber die eigenen Meinungen durchzusetzen. Wichtig ist, die gegenseitigen Unterschiede anzuerkennen und sich gegenseitig zu respektieren. Dies zu praktizieren ist, so glaube ich, unerlässlich, damit man weltweit dem gemeinsamen Ziel näherkommt, die Coronakrise zu überwinden.
Sie praktizieren 'alte und neue Wege in der buddhistischen Sterbebegleitung' – was bitte bedeutet das, was tun Sie da in der Praxis?
Ich gehöre als buddhistischer Priester dem sogenannten Shin-Buddhismus an (Der japanische Name dieser buddhistischen Richtung, Jōdo Shinshū, heißt wörtlich übersetzt „Schule der Essenz des Reinen Landes“). Es mag Unterschiede zwischen den verschiedenen buddhistischen Richtungen geben, aber im Shin-Buddhismus tut man zum Zeitpunkt des Sterbens gar nichts Besonderes. Darum kann ich auf die Frage „Was tut ihr zum Zeitpunkt des Sterbens“ nur antworten: „Wir hören zu“.
Wir wollen die Sterbenden oder ihre Angehörigen nicht unter Druck setzen, indem wir in den letzten Stunden religiöse Zeremonien durchführen, und das ist auch gar nicht nötig. Wir sind einfach nur anwesend, wenn es gewünscht wird, und hören den Sterbenden und ihren Angehörigen ohne Bewertungen zu.
Der eine lebt kurz, der andere lang. Das eine Leben geht nach langer Krankheit und intensiver Vorbereitung auf den Tod zu Ende, das andere endet abrupt, in einem Augenblick. Aber Shinran Shōnin, der vor achthundert Jahren den Shin-Buddhismus begründete, lehrte an diesem Punkt Ruhe zu bewahren: „Es ist immer gut, wann und auf welche Weise das Leben auch enden mag“.
Ob wir kurz vor dem Tod stehen oder nicht, ob wir buddhistischer Priester sind oder nicht, wir alle besitzen immer ein Herz, das voll von Gier, Hass und Unwissenheit ist, und darum leiden wir. Diese verschiedenen Leiden, auch wenn sie immer wieder einmal verschwinden, begleiten uns doch bis zum Augenblick des Todes. Aber der Buddha Amida, um den es im Shin-Buddhismus geht, ist in unserem Leben immer bei uns, er ist uns Menschen nahe, die wir keinen Ausweg mehr sehen und leiden, und spricht: „Keine Angst! Überlass das mir!“
Wir tun aufgrund von karmischen Beziehungen Dinge, an die wir gar nicht dachten und die wir nicht tun dürfen. Aber Amida verlangt von uns keine besondere Lebensweise und stellt uns keine Bedingungen. Jeder von uns lebt mit seinem ganz individuellen Charakter, seiner eigenen Denkart und in seiner eigenen Umwelt, und all diesen Menschen ruft Amida immer zu „Hab keine Furcht, ich bin bei dir“.
Darum ist es kurz vor dem Tod, aber auch zu jedem anderen Zeitpunkt wichtig, diese Lehre der Zuversicht zu „hören“. Wir führen ein Leben, das vom Dank für alle karmischen Bedingungen geprägt ist, die unser Leben unterstützen, angefangen beim Buddha Amida, und wir beenden dieses Leben mit Zuversicht.
Der Buddha Amida, um den es im Shin-Buddhismus geht, ist der gütigste von allen Buddhas. Er ist den Menschen immer nahe, auch wenn sie keinen Ausweg mehr sehen und leiden; und er stellt den Menschen keine Bedingungen, sondern ruft ihnen immer zu „Hab keine Angst! Überlass das mir.“ Diesen Ruf zu hören und sich ihm anzuvertrauen - das ist alles.
Herzlichen Dank an das Team des EKO-Hauses der Japanischen Kultur, namentlich Frau Ruth Jäschke - M.A. Wissenschaftliche Mitarbeiterin - die es möglich machten, im buddhistischen Tempel zu fotografieren.